Amoklauf auf der Tastatur

März 11th, 2009 § 2 Kommentare

Es war höchste Zeit, dass jemand darüber ein Stück schrieb. Amokläufer. An deutschen Schulen. Das war ein Tabu-Thema, könnte man sagen, und auch eine Marktlücke. In Erfurt gab es bestimmt einen Bedarf an einem solchen Text, und auch im süddeutschen Raum würde die Nachfrage sprunghaft ansteigen. Bob machte sich ein bisschen schlau, bevor er seiner Phantasie auf dem Papier freien Lauf ließ. Ursprünglich waren Amok-Läufer Krieger gewesen, indonesische, malaiische Krieger, die sich auf den Feind stürzten und alles gaben, was sie zu geben hatten. Blut und Ehre und Entschlossenheit. Nur mit dem Kris, dem Dolch, in der Hand, warfen diese Krieger sich dem Feind entgegen, wie die Berserker. Alles oder Nichts, Triumph oder Tod. Das war anfangs, in einem anderen Kulturkreis, das Leitmotiv gewesen.

Bei den modernen Amokläufern sah die Sache anders aus. Sie wollten nur noch möglichst viele Unschuldige mit sich in den Tod reißen, in Alabama nicht anders als in Erfurt oder Winnenden. Als bekämen sie dafür mildernde Umstände beim Chef des Schattenreiches. Überhaupt gab es hier gigantische Grauzonen, und das nicht nur morgens. Wer wusste denn etwas über diese jungen Leute, die da Tür an Tür mit uns lebten? Wer wollte denn wirklich in deren Kinderzimmer spähen? Wer hatte Lust, ihre Festplatten zu durchforsten nach all dem Schweinkram, der ihr Gehirn verklebt hatte? Wer wollte sich noch einmal freiwillig hineintasten in all das unaussprechliche, sprachlose Leid, das die Jahre des Heranwachsens für uns bereit halten, wenn wir beim Wichsen an die Susi denken? Das hatte man hinter sich, und das war gut so. Nur ein Schriftsteller, so ein Spast, ein Autist, sozialer Abschaum. Der gab sich vielleicht mit diesen Dingen ab. Der grub da herum, in all den aufpoppenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, in Bächen voller Qual und Verwirrung und in Zeiten, als man noch nicht die totale Kontrolle über den eigenen Wagen hatte und ab und an die Handbremse vergaß.

Bob zog eine weitere Zigarette aus seinem Päckchen. Auch so eine Unsitte, dachte er. Kurz vor dem Abitur hatte er richtig zu rauchen angefangen, und dann, während des Unteroffizierslehrgangs. Da war das immer stärker geworden, das mit dem Qualmen. Qualmen und Husten. Es war wirklich eine Manie gewesen. Eine Sucht auch, klar, aber auch eine Manie. Ein Tick. Er vertrug den Tabak ja eigentlich nicht, das Nikotin, die anderen Schadstoffe, mit denen man Straßen baute. Seine Herzrhythmusstörungen, der Arzt hatte ihm das gesagt, sie kamen vom Rauchen. Ganz klar. Wenn er ein Interesse daran hatte, älter als 50 zu werden, dann sollte er das lassen. Aber er konnte nicht. Er brauchte die Zigaretten zwischen seinen Lippen, wie er das Bier brauchte und das Zittern seiner Finger am Morgen, die Scham und dieses Gefühl, nur ein kleiner, charakterloser Wicht zu sein. Das war ja sein Leben. Daraus war er gemacht. Er brauchte es einfach, dieses Humphrey-Bogart-Gefühl, wenn er den Kopf schief legte und die Augen zusammenkniff und das Feuerzeug anratschte. Das war sein Ding. Dann war er Bob, der Schriftsteller. Dann war er sogar einem Thema wie Amoklauf gewachsen. Sonst war er nur Bob, der Bettnässer, der gefeuerte Werbetexter.

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§ 2 Antworten auf Amoklauf auf der Tastatur

  • Vau sagt:

    Äh, Sie werden doch von der Tabaklobby bezahlt. Geben Sie es doch wenigstens zu!

  • Thomas sagt:

    Ich meine, eine Erzählung gelesen zu haben, mit dem Titel “Der malaiische Läufer”. Schon sehr lange her… Die Erzählung war nicht lang, vielleicht gerade mal 10 Seiten, vielleicht noch kürzer. Der Typ hatte auch einen Dolch, wenn ich mich recht erinnere. Ich weiß nur nicht mehr, von wem die ist. Vielleicht Henry Slesar? Wenn jemand sich daran erinnert: bitte um Aufklärung! Vielen Dank

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