Den eigenen Hinterkopf betrachten

März 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt eine Erzählung mit dem Titel DER MALAIISCHE LÄUFER. Sie ist, soweit ich weiß, von Henry Slesar. Slesar wurde bekannt als Verfasser von mörderischen Kurzgeschichten. In seinen Stories gibt es immer einen witzigen Umschwung, einen Plotpoint, über den die Handlung strauchelt, und ganz überrascht und leicht schockiert kommt der Leser mit seiner Nase auf dem Bauch einer Leiche zu sich. Mit diesem einfachen Rezept, das ingeniös angewendet wird, hat Slesar einen ganzen Haufen Bücher gefüllt, die alle bei Diogenes in Zürich erschienen sind.

Slesar ist ein bisschen ein (nicht allzu entfernter) Verwandter von Roald Dahl, dessen Stories ja auch alle auf einen Punkt zustreben, an dem uns Lesern jeden Augenblick die Schuppen von den Augen fallen können: “Ach, der existierte nur in ihrer Einbildung?” Ebenfalls in diese Richtung bewegt sich Ambrose Bierces Dichtung, der vor allem durch eine gewisse Leidenschaft für das Düstere, Zynische und Makabere auf sich aufmerksam machte. Irgendwann ritt Bierce davon, in die Wüsteneien des mexikanischen Bürgerkriegs, und ward nicht mehr gesehen. Vielleicht existierte auch er bloß in irgend jemandes Einbildung.

Im MALAIISCHEN LÄUFER schildert Slesar in kurzen, gut gebauten Sätzen, wie ein Indonesier, der mit der Hyperzivilisation der computerisierten Welt nicht zurecht kommt, bei sich beschließt, die Menschheit auszurotten. Er tut dies, weil er zu der Ansicht gelangt ist, dass wir alle heute eher Automaten sind als Menschen. Roboter, die klaglos ihre furchtbare Pflicht erfüllen, im Grunde aber lieber nichtexistent wären. Insofern begreift er seinen Amoklauf als eine Erlösungs-Mission. Und weil die Indonesier per se ein höfliches, zuvorkommendes Völkchen sind, sagt dieser eine zu sich: “Jetzt geht’s los!” Und er schnappt sich seinen Kris und stürzt sich ins Handgemenge, schäumend, träumend, rasend. Unsere feige, verweichlichte Zivilisation braucht mehr als 300 ihrer Polizisten (von denen nur wenige leicht durch Dolchschnitte verletzt werden), um dem Indonesier das mörderische Handwerk zu legen.

Nein, diese Geschichte ist NICHT von Henry Slesar, denn sie ist ganz offensichtlich dämlich, und Slesar war ein Meister der Kurzgeschichte. Insofern kann dieser ganze Text nicht stimmen. Allerdings hätte Henry Slesar sogar aus diesem Mist noch eine gute Story gemacht, und darum war er der Meister. Oder sagen wir: einer der Meister.

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