Der Traum vom Schreiben, den ich früher hatte, war …

März 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

… diese ganze Sache einfach einmal zu Papier zu bringen. Mein Leben. Dabei hatte ich mir, in schmerzhaften Prozessen unbewussten Gärens, ein zweigleisiges poetologisches Konzept erarbeitet. Zum einen wollte ich alles aufs Papier rotzen, was mich quälte, bedrückte, belastete. Sie wissen schon, diese biographischen Stoffe, die sich während des Heranwachsens ansammeln im Körper, wie Giftstoffe, und die später nur mit sehr, sehr viel Alkohol wieder heraus geschwemmt werden können. Zum anderen sollte diese, nennen wir es KONFESSION, noch in einer Form vorgetragen werden, die, anders als beispielsweise Fritz Zorns Kardinalabrechnung MARS, literarischen Ansprüchen genügte, zugleich auch eine ironische Distanz wahrte – immerhin, vergessen wir nicht, dass Fritz Zorn vom Krebs aufgefressen wurde, während er seine Kindheit Stück für Stück auseinander biss. Er ertrank im Unglück, während er sich Klarheit verschaffte.

Sie merken, es war ein wahnsinnig ehrgeiziges Konzept, mit dem ich da schwanger ging, einem Text wie PORTNOYS BESCHWERDEN von Philip Roth letztlich sehr viel näher als MARS, welches gleichwohl für mich ein absoluter Referenztext blieb. Das Leiden eines Menschen an der Unfähigkeit zum Allereinfachsten, dem Einfach Leben. Diese merkwürdige Distanz, dieses Glaskäfiggefühl. Es ist da, das Leben, diese pulsierende, idiotische Substanz, zum Greifen nah, und doch kommt man nicht heran. Man ist eingesperrt in Phrasen. Was mich entsetzte, war die Konsequenz, mit der Fritz Zorn sich in sich selbst hineingebohrt hatte, diese Wut, mit der er sich selbst durchquerte, um sich von allem, was ihn schlecht geprägt hatte, zu befreien. Das war ungeheuer couragiert und irre, und den Preis, den er dafür bezahlt hatte, war ich definitiv nicht bereit zu bezahlen. Ich wollte ja nicht schreiben. Ich wollte leben.

Ich war jung.

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