Die ominöse Gleichung Mensch=Künstler
März 17th, 2009 § 1 Kommentar
Seit Monaten arbeite ich mich an dem Satz ab: “Jeder Mensch ist ein Künstler.” Was wollte Joseph Beuys uns damit sagen? Die allerplakativste Deutung, dass wirklich und buchstäblich jeder, der als Mensch geboren wird, ein Künstler sei, mag ich nicht einmal in Erwägung ziehen. Das ist eine T-Shirt-Platitüde. Auf eine wirklich interessante Spur brachte mich eine Umwandlung des Satzes, die Beuys’ Kollege Martin Kippenberger vorgenommen hat. “Jeder Künstler ist ein Mensch”, behauptete das traurig früh verstorbene Enfant terrible des Kunstbetriebs. Und ich finde, in dieser Anverwandlung wird das Waghalsige der früheren Aussage, das explosive und provokative Potential, sehr viel spürbarer. Wie leicht sagt sich das dahin: ein Mensch. Vielleicht will Joseph Beuys uns ja sagen: Wenn man es geschafft hat, zum Menschsein vorzustoßen, dann ist man ganz automatisch auch soweit, dass man ein Künstler sein könnte. Man muss das dann nicht unbedingt; man kann auch ein Heiliger werden oder ein Arzt oder ein Visionär oder einer, der Predigten im Stadtpark hält. Aber man muss sich durchkämpfen zum Menschentum … eigentlich will Beuys mit seinem bescheuerten Diktum nämlich das MENSCHSEIN problematisieren und nicht das Künstlersein banalisieren. So rum wird ein Schuh aus den Gesundheitslatschen. Was in Frage steht, ist nicht das biologische Faktum, als Mensch geboren zu sein, also als Angehöriger der Spezies Mensch. Das bekommen unerfreulich viele hin. Sondern die geistige Geburt, das seelische Sich-ans-Licht-Kämpfen, darauf kommt es an. Das Streben nach dieser Art von Licht – so verstehe ich jetzt, hier, heute, den Beuys-Satz – unterscheidet den Menschen sowohl als auch den Künstler vom Rest.
Kann die Lösung nicht auch “banal” sein: Wollte Beuys mit seinem Diktum vielleicht zur Entsakralisierung von Kunst aufrufen?