Goethes Gonzo
März 22nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Goethe, das war doch. Der hatte doch keine Haltung. Den hat doch nur eines interessiert. Macht.
- Alle seine Werke, jedes einzelne, nannte er aber: “Bruchstücke einer großen Konfession.”
- Konfusion, vielleicht.
- Haha.
- Haha.
- Das war doch nur ein Trick, dieses Gerede von einer Konfession. Ein verbaler Trick. Um zusammenzufügen, was, inhaltlich, einfach nicht zusammengehört.
- Du meinst, inhaltlich gibt’s da.
- Pass auf, schau dir doch. Fuck. Schau dir doch mal dieses Meistermachwerk an, Bob. Den FAUST. Worum geht’s denn da? Jeder Bürgerwichser, den du auf der Straße fragst, wird dir sagen: “Da geht’s um das ewige Streben nach Erkenntnis!” Aber ist das die Wahrheit?
- Das ist sie nicht?
- Ganz sicher nicht, nein. Die wahre Wahrheit ist, dass es um Macht geht. M. A. C. H. T. Faust ist ein Zyniker. Schau dir mal an, wie er das Gretchen behandelt. Er will sie ficken, darum geht’s, und dann fickt er sie, und das war’s dann. Tschö mit Ö. Ihm geht’s doch keine Sekunde um eine noble Seele, seine oder ihre.
- Er will den Genuss?
- Er will, genau. Du sagst es. Er will den Genuss. Den Genuss der Macht. Goethe war ein Fürstenknecht, der immer genau wusste, was er tun musste, um sich an der Spitze zu halten. Nur so kann man ja überhaupt erklären, dass es Faust gar nicht rührte, als Gretchen im Kerker endete, weil sie SEIN Kind umgebracht hatte. So viel Empathie stand Goethe gar nicht zur Verfügung. Der war nicht so ein Idiot wie Jakob Michael Reinhold Lenz, sein Sturm-und-Drang-Kumpel, oder der andere, Wagner, Heinrich Leopold. Goethe war hochintelligent, und er war eiskalt.
- Und was ist mit dem TASSO?
- Der TASSO ist eine Rechtfertigungsschrift. So lese ich das. Torquato Tasso wird doch dargestellt als einer, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Der fällt doch allen auf den Wecker mit seinen Jamben. Das Geheimnis dieses ganzen Idealismus. Das ist doch dies. Alles, was Goethe in seinen Texten ausmalte, musste er dann nicht mehr leben.
- Er konnte in seinen Texten besser sein, als er es im wirklichen Leben war?
- Das ist vermutlich die Ökonomie von Moral und Ästhetik.