Es ist erstaunlich, welche subversive Kraft bis heute der Erfindung der Enzyklopädie innewohnt. Ob man historisch nun zu der von d’Alembert und Diderot nicht nur verantworteten, sondern zu weiten Teilen auch fabrizierten Ur-”Encyclopédie” greift oder zu Ambrose Biercens “Wörterbuch des Teufels” oder zur “Kulturgeschichte der Missverständnisse” von Eckhard Henscheid – immer entzündet diese Form, die eigentlich die sprödeste, nüchternste sein müsste, den Funkenflug des Witzes. Besonders in der Abgrenzung von Monumental-Schriften aus dem Geiste: “Jetzt zeig ich’s dir aber, Welt!” sticht das schlagwortartig Gefasste wohltuend sprudelig-nüchtern ab. Woran liegt das? Zum einen am Zwang zur Kürze, der schon Tacitus guttat. Und anderen aber sicher auch an dem Hautgout der Unverantwortlichkeit, der solch einem kurzen Eintrag plötzlich zuwächst, gleichsam als immunologische Reaktion auf die Überverantwortung, die man beim Abfassen eines Lexikoneintrags doch eigentlich wohl verspüren müsste. Wenn die Sache nicht die allerernsteste ist, warum sollte der auf sie angewandte Stil es sein? Natürlich darf der Leser etwa beim Pschyrembel höchste Akuratesse und größte fachliche Verantwortlichkeit erwarten. Hier hat der Gag, hat die locker-freche Sektlaunen-Assoziation, hat das Um-die-Ecke-Gedachte nichts verloren. Aber nehmen wir z. B. eine Enzyklopädie über Bob Dylan … gut, ein schlechtes Beispiel, denn die Dylanisten, allen voran Michael Gray, sind ihrerseits so in der semisakralen Bedeutungstiefe ihres Gegenstandes befangen, dass von ihnen Humor, welcher per definitionem Distanz voraussetzt, einfach nicht zu erwarten ist; sogar der sonst so verlässlich unbefangene Willi Winkler strauchelte übel durchs Buchstaben-Gelände seines Textes, als er die Heiligenlegende von His Bobness im flapsigen Stil zu erzählen versuchte. Darum war auch das Erscheinen der “Chronicles Vol. 1″ solch eine Wohltat – weil hier all das Lockere und poetisch Vergnügliche, das dem Durchschnittsdylanisten beim Kampf im Captain’s Tower von dem Zyklopen WIRKLICHER TIEFE aus dem Leib geprügelt wurde, ganz unvermutet da war, jenseits von apokalyptisch triefendem Geraune.
Mann, Scheiße, und jetzt bin ich wieder bei Dylan gelandet! Dieses neue Album, es wirft seine Schatten voraus …