Es ist ja auch, wer will daran zweifeln, ein Mittel gegen die Verzweiflung. So ein Tommy Schnell zu sein. Denken Sie doch mal drüber nach. Welche Entlastung so eine Lebensweise bietet! Eine Karikatur seiner selbst, eigentlich, die Cartoon-Ausgabe eines Menschen, immer mit dem Dosenbier, wie ein Idiot, und dazu Zigaretten. Die Hardboiled-Version einer Witzfigur. Was hat so ein Tommy Schnell denn vom Leben? Er kauft sich Bücher und blättert und liest ein wenig darin, das meiste findet er wenig inspirierend. Zum Glück kann man CDs einlegen und dazu, im Rhythmus der Musik, mitmäandernd mit dem Gleiten der Töne, auf die Tastatur einschlagen. Von Zeit zu Zeit trifft man sich mit anderen Leuten, die vom und für das Schreiben leben, und dann tauscht man sich aus, vor allem aber trinkt man Bier und raucht Zigaretten und redet darüber, wie wenig inspirierend unterm Strich leider das vom Feuilleton hochgejazzte Geschreibsel der Kollegen und auch der Kolleginnen ist.
Wundert es da wen, dass so ein Tommy Schnell schreibt, schreiben muss, Gedichte, Dramen, Krampf? Dass ihm aus jeder Tasche ein Notizbuch fällt? Dass der sich in seiner autistischen Neuköllner Bude einschließt und den Fernseher auf stumm stellt und schreibt? Seite um Seite um Seite?
Ich wette, er guckt gar nicht drauf, auf das Zeug, was er da schreibt. Das ist ihm, auf eine gewisse Art, alles scheißegal. Es hat nichts mit ihm zu tun, ist nur eine Ausscheidung ganz spezieller Art. Tommy Schnell jagt den Krempel nur per E-Mail nach Peine, wo Robert-Louis von Kraßkow mit seinem Schäferhund sitzt, den er zynischerweise „Blondine“ nennt, obwohl es ein dunkler Rüde ist. Eine Anspielung auf unrühmliche Zeiten in der deutschen Geschichte, auf einen Schäferhund vom Obersalzberg. Von Kraßkow liebt die Provokation, er ist provoziertes Leben. Er sitzt da in seinem abgedunkelten Dramaturgenstüberl, mit einem schillernden, luminiszierenden Flecken im Regal dort, wo vor wenigen Wochen noch die Gebeine eines Säuglings lagen, sein Gesicht illuminiert vom bläulichen Glanz des Computerbildschirms. Ein Grinsen ist zu sehen auf diesem Gesicht, das lang ist und schmal und das ausläuft in dunkel zurückgegeltes Haar.
Ich weiß, ja, armer Tommy Schnell. Natürlich. Armer Hund. Und doch, und doch. Ich glaube, so ein Leben, das lässt sich ganz gut runter leben, das lebt sich leicht weg.