Aussteiger

März 28th, 2009 § 1 Kommentar

Es sei ja zu verstehen, sagte Bob, in der üblichen Atemlosigkeit, wie von Furien gehetzt, seinen Kaffee hinunter stürzend, dabei schon über ein Bier nachdenkend, dass Menschen in Systemen Trost fanden. Wirklich sehr verständlich sei das. Und doch. Für ihn sei das nicht glaubhaft. Je komplizierter diese Systeme würden, desto absurder doch eigentlich auch. Hegel, z. B. Das erinnere ihn an die Wahnsysteme seiner Jugend, als er kurz in der geschlossenen Abteilung war, weil er seine Familie, dieses “Konglomerat von Idioten”, wie Bob sich ausdrückte, nicht mehr ausgehalten hatte. Damals habe er auf ähnlich verrenkte Weise gedacht. Jeder Gedanke sei ein Umweg gewesen. Das künstlich Hochgeschraubte, das jedes echten Grundes Entbehrende und aus dem Wunsch der Vermeidung eines womöglich beschädigenden Kontakts mit der Realität heraus desto feiner Ziselierte. Das seien die Kennzeichen des Wahnsinns, für seinen Geschmack. Allein diese Sprache von Hegel, vorsätzlich verdunkelnd, nebulös. Sogar Adorno, der mit seinen Überlegungen auf Hegel ja aufsattelte, meinte, teilweise sei einfach nicht herauszubringen, was der Staats-Dialektiker da zusammenfabuliert habe.

Georg wunderte sich nicht wenig. Für das erste Wiedersehen nach so vielen Jahren war das ein merkwürdiges Gespräch. Was wollte sein Ex-Kollege ihm sagen? Bob hatte tüchtig zugelegt, war geradezu fett geworden. Seine feisten Finger zitterten. Die Haare waren ungewaschen, klebrige Strähnchen waren in die Stirn gerutscht, das Jackett hatte schon vor langer Zeit seine Fasson verloren. Bob hatte sich entschuldigt, als sie die Hände geschüttelt hatten, er sei krank gewesen die ganzen letzten Tage, darum sei er nicht dazu gekommen, sich zu pflegen. Andererseits schien Körperpflege auch nicht so notwendig zu sein in diesem Städtchen, das nur aus Seitenstraßen bestand. Man blieb hier mehr oder weniger unbemerkt von den Nebenmenschen, anonym.

Stundenlang war Georg von Seitenstraße zu Seitenstraße mäandert, und dabei hatte er über Bobs Brief von vor einigen Jahren nachgedacht, geschrieben unmittelbar nach der Kündigung bei n+2. Während er durch Seitenstraßen treibe, hieß es darin, habe er, Bob, das klare Empfinden, den nächsten Schritt nicht überleben zu werden. Als täte sich gleich der Boden auf, um ihn zu verschlingen. Nervlich sei er offenbar ein wenig angeschlagen, stand da in struppiger Schrift, ein wenig überspannt, die Ruhe dieses beschaulichen Örtchens werde ihm guttun. Danach dann jahrelang Schweigen, und nun, vor wenigen Tagen, eine E-Mail, eher ein Hilferuf, ob er nicht mal vorbeikommen wolle? Sie hatten sich in diesem Café verabredet, “La Barcarola”.

Die Dunkelheit drängte von der schmalen Straße draußen herein, am Nebentisch lachte eine aufgetakelte Frau mit rotem Schal schrill und klimperte dabei mit den Ohrringen.
Diese Systeme, sagte Bob, alles Scheiße.
Man halte nur mal die erschütternde Schlichtheit des Darwin’schen Evolutionsmodells dagegen.
Wovon er denn eigentlich lebe, fragte Georg den alten Freund.
Bob glotzte.
Leben?
Ja, wovon?
Ich schreibe, sagte Bob.
Was denn? Immer noch Werbung?
Willst du mich verarschen? Ich schmeiß doch nicht alles hin, hau eine vielversprechende Laufbahn in die Tonne, um dann hier, am Arsch der Welt.
Schon gut, man dürfe doch wohl mal fragen, man habe ja nicht.
Romane.
Ah. Ritterromane?
Willst du eins in die Fresse, Georg? Oder was soll das? Willst du mich.
Nein, er habe ja nur gedacht, wo sich Ritterromane doch in aller Regel gut verkauften … außerdem lese er selbst, Georg, wahnsinnig gern Ritterromane. Und seine Frau übrigens auch.
Blödsinn, brummte Bob.
Keine Ritterromane, okay. Dann vielleicht mehr so.
Georg blickte ratlos.
Romane, sagte Bob noch einmal.
Ob schon einer veröffentlicht sei?
Noch nicht, im Herbst aber, sagte Bob.
Gratuliere! Georg war froh, gratulieren zu dürfen.
Nicht bei Suhrkamp, fauchte Bob.
Das mache doch nichts, beschwichtigte Georg sofort. Bekanntlich habe Suhrkamp seit ca. 200 Jahren keinen wirklich interessanten Text mehr verlegt.
Bob zog die Brauen zusammen.
Georg, schnell: Bei welchem Verlag Bob denn publiziere?
Ein unbekannter Neuling, in Heidelberg.
Heidelberg, tolle Stadt, sagte Georg. Tolle Stadt. Ja.

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