Das Zeug, aus dem unsere Albträume sind

März 29th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Sich von allem abzusetzen, sich über alles zu überheben. Zu sagen: “Nö, verhungerte Kinder, komm; mich interessieren nur noch stilistische Probleme.” Auf der einen Seite ist diese Haltung – die ja die Haltung jedes Künstlers ist, all das verschleidernde Palaver um gesellschaftliches und sonstiges Engagement hin oder her – im höchsten Grade abschreckend, ja, abstoßend. Auf der anderen Seite aber kann man doch auch verstehen, wenn jemand so reagiert. Dass einer sagt, das Menschliche, weil es immer das Problematische ist, möge er nicht. Wie Gottfried Benn. Der sagte ja, menschliches Leid sei nichts für ihn, er ertrage das nicht, er ertrage nur die Leiden der Kunst. Es ist wahr, das Wirkliche, das Menschliche, dieses Zeug, aus dem unsere Qualen und unsere Erniedrigungen gemacht sind und für das wir immer noch keinen Namen haben, das ist unerträglich. Sehr viel leichter tut man sich mit dem blümeranten, unverbindlichen Geschwätz über die WOHLGESINNTEN oder FEUCHTGEBIETE. Man kann sich da ein bisschen einbringen, als Wesen, das leidet und liebt, man kann unbemerkt vorsichtige Anschlüsse zwischen dem inneren Tier und der öffentlichen Persona herstellen. Vor allem aber kann man auf den rauschenden Wogen der öffentlichen Meinung surfen, und nichts macht dem Menschen mehr Spaß, als sich tragen zu lassen von solchen Massenerregungszuständen. Unser ganzes Medienzeitalter lebt ja von dieser Tatsache.

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