Ausriss aus einem Wirtshausgeschehen

April 2nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Keine Ahnung, sagte er, ich weiß nicht. Warum schreibe ich diese Texte? Ich weiß nicht.
Er zuckte die Schultern, wie verzweifelt, und der Geräuschpegel stieg über ihn hinauf, die Lärmkulisse brandete auf seinen geduckten kleinen Leib herab. Da saß er, immerhin ja ein bekannter Schriftsteller, aber mit meiner Frage, WARUM er all diesen Kram schreibe, dieses autobiographisch verseuchte Zeug, hatte ich ihn zu Boden gestreckt, im übertragenen Sinne, und nicht nur im übertragenen. Der Stuhl hielt ihn aufrecht. Ich griff nach seinem Unterarm, drückte ihn leicht.
Hey, ist doch kein Thema, sagte ich, wir brauchen dieses Gespräch nicht fortzusetzen.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihm, etwas wie ein Stöhnen. Sein Gesicht sank noch einmal tiefer hinab. Jetzt glotzte er sich auf den Bauch, auf seine Nabelregion. Dort spreizte sich zwischen zwei Knöpfen das Hemd, und man sah das weiße Leuchten seines frisch gebügelten Unterhemdes. Tadellos angezogen, das war er, immer, obwohl er nicht viel Geld hatte. Er hatte viel Zeit, um das Beste aus dem Wenigen zu machen.
Ja, warum? sagte er ganz leise. Beinahe las ich es ihm von den Lippen ab, Fetzen von Lauten, ein warmes Geflatter von Luft.
Lassen Sie uns einfach noch ein Bier trinken, schlug ich vor. Und danach bringe ich Sie heim. Das ist ja auch gar nicht so wichtig. Aber weil ich doch in meiner Magisterarbeit über Sie schreibe, hätte ich halt diesen Aspekt gern auch noch mal von Ihrem Standpunkt aus beleuchtet, sozusagen.

Er nickte, reichlich stumpfsinnig und reichlich lang. Endlich sagte er: Sie haben schon Recht, ja, es ist alles irgendwo Autobiographie, was ich da so zusammengeschrieben habe über die Jahre, über die Jahrzehnte.
Wie bei Goethe, winkte ich ab, das ist doch ein alter Hut! Wenn einer schreibt, dann greift er nun mal in die Mottenkiste seiner persönlichen Erinnerungen. Kann man doch auch niemandem zum Vorwurf machen. Aus welchem Reservoir sollte man denn sonst schöpfen?
Nein, nein, er schüttelte vehement den Kopf, jetzt war urplötzlich wieder Kraft in ihm, Energie, etwas wie Auflehnung. Das ist es nicht. Aber mir ist das nie aufgefallen, das war mir nicht bewusst.
Was?
Dass ich über mein eigenes Leben geschrieben habe, die ganze Zeit. Ich dachte immer, ich denke mir Geheimagentenstories aus, Geschichten aus einem ganz fremden, entrückten Leben. Ich dachte, ich hätte wunder was für eine Phantasie. Und dann kommen Sie, ein Grünschnabel, noch nicht mal trocken hinter den Ohren.
Na, hören Sie.
Und weisen mich mit brillanter Argumentation darauf hin, dass ich mein Leben lang hinter mir selbst her geschrieben habe. Als hätte ich mich selbst bespitzelt, als wäre ich mein eigener. Mein eigener IM gewesen. Und ich hab’s noch nicht einmal gemerkt! Da fragt man sich natürlich schon, in solch einem Moment. Wofür lebt man? Wofür lebe ich?

Ich signalisierte der Bedienung, die gerade mit ihrem leeren Tablett an unserem Tischeck vorüberschwebte, dass wir gern noch zwei Weizenbiere hätten. Sie quittierte meine Order mit einem nachsichtigen Beugen ihres blondgelockten Nackens. Mein Blick rutschte dabei über ihr weites Dekolleté, und sie schenkte mir, dies bemerkend, ein Lächeln, das begleitet wurde von einem übermütigen Zwinkern.
Herr Weinzierl, sagte ich, wie gesagt. Messen Sie meinem Gerede bitte nicht zu viel Bedeutung bei! Letztlich bin ich doch nur ein Student, der begeistert ist von Ihrer Phantasie, von diesem Füllhorn, das Sie offenbar im Kopf mit sich herumtragen.
Aber nein! Er sprang jetzt auf, der alte Dietrich Weinzierl, Dietrich M. Weinzierl, um genau zu sein, und reckte seinen knorrigen Mittelfinger gen rauchgeschwärzter Wirtshausdecke. Ich warf peinlich berührte Blicke auf die Umsitzenden, die den Auftritt allerdings mit schweinsbratenschwerer Fassung trugen. Wir können das hier nicht so einfach übergehen, rief Weinzierl, wir können nicht umstandslos zur Tagesordnung übergehen. Ich bin mir selbst untreu gewesen, mein Leben lang, das steht jetzt fest, und wir müssen herausfinden, woher das kommt!
Ich bitte Sie, sagte ich, dafür habe ich keine Zeit! Ich muss doch meine Magisterarbeit schreiben.

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