Calibans Bankleitzahl

April 3rd, 2009 § 1 Kommentar

Sag mal ganz ehrlich.
Ja.
Bist du ein Misanthrop, Bob? Verachtest du die Menschen?
Bob schaute auf von seinem Bier. Er blickte Georg verwundert an.
Bitte?
Warum verachtest du die Menschen, Bob? Woher diese Wut?
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich.
Na, dein Menschenhass. Der ist ja fast pathologisch. Manche Kollegen haben mittlerweile richtiggehend Angst vor dir.
Wie kommst du denn jetzt da drauf?
Allein, wie du neulich die Worte “feige, eitel, kleinlich und beknackt” gesagt hast.
Habe ich das?
In Bezug auf diese Kampagne. In der Kantine.
Ach, die Kampagne für dieses Lifestyle-Bier?
Ja.
Aber das ist die Kampagne doch auch.
Aber du hast die Leute gemeint, die von dieser Kampagne angesprochen werden sollen.
Nein, nein.
Doch.
Nein, ich hab gesagt. Die Entwickler dieser furchtbaren Kampagne, so hab ich das gesagt, Georg. Du musst mich schon richtig zitieren. Diese Leute, die sich diesen Krampf ausgedacht haben, die gehen offenbar davon aus, so hab ich das gesagt. Die gehen davon aus, dass die Käufer von diesem Bier feige, eitel, dämlich, herz- und hirnlos sind. Echte Wichte. So in der Art hab ich das gesagt.
Und? Georg machte eine wichtigtuerische Geste. Wo ist der Unterschied?
Der Unterschied, sagte Bob, ist der Unterschied zwischen Zynismus und Besorgnis. Wenn du die Leute für Idioten hältst, dann sind sie’s irgendwann auch. Einfach, weil man sie wie Idioten behandelt.
Die Leute können sich doch ihr eigenes Bild machen, sagte Georg und schluckte von seinem Bier.
Klar. Aber Werbung bezieht nun mal den ganzen Menschen mit ein. Reißt ihn mit sich fort. Was ihre Wirkung ausmacht und ihre Größe. Nur liegt da auch die Gefahr. Irgendwann sind wir bei Propaganda. Dann verformen wir das Menschenbild. Und das ist keine gute Sache, nach meinem Dafürhalten.
Nach deinem Dafürhalten, wiederholte Georg spöttisch.
Ja, nach meinem Dafürhalten. Wieso?
Wie du das gesagt hast. Nach deinem Dafürhalten.
Was denn?
Als käm’s darauf an.
Bob winkte ab.
Mir ist es egal. Du kannst denken, was du willst, Georg.
Und was ist mit den 0,03 Prozent? Dass 99,97 Prozent von allem, was geschieht, wert seien, dass sie zugrunde gehen?
Nun hör mal.
Ist das nicht zynisch? Ein zynisches Sprüchlein? Nettie war richtig mit den Nerven fertig, nachdem du das zu ihr gesagt hattest.
Aber ich hab doch nur Mephisto zitiert. FAUST. Einen Klassiker.
Macht das deine Grobheit besser?
Ich hab Mephisto sogar entschärft. Bei Mephisto ist es nämlich sogar alles, was entsteht, das wert ist, zugrunde zu gehen.
Trotzdem. Nettie hätte fast geheult. Mann.
Das tut mir ja auch leid, aber.
Aber was?
Ich empfinde es nun mal so.
Reden wir von der Kunst oder vom Leben?
Wir reden vom Leben, in dem die Kunst eingeschlossen ist. Die Kunst läuft ja mit, irgendwo. Und deswegen sagen manche auch, das Leben sei im Grunde identisch mit der Kunst. Aber sie zeigt sich sehr selten.
Nur in diesen 0,03 Prozent der Fälle?
In 0,03 Prozent der Augenblicke, ja. Höchstens. Das ist ja nur ein Schätzwert.
Bauchgefühl.
Genau.
Trotzdem. Arme Nettie.
Ich werd mich bei ihr entschuldigen.
Die hatte echt Tränen in den Augen.
Tut mir leid.

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