Tragödienfähigkeit

April 3rd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Anstatt aber, dass man dann radikal wird, ruft John, Altphilologe am Trinity College, Dublin, über sein Guinness hinweg. Statt dessen wird gekuschelt.
Ja, zum Kotzen, sagt Bob mit düsterem Nicken.
So kann sich nichts ändern, bestätigt Georg mit einem Blick, der von tiefster Verzweiflung kündet.
Wir sind nicht mehr tragödienfähig, stellt Emma, die wirklich eine Fesche ist, klar. Sie hat strahlende Augen, blaue Augen, die Essenz von Island, denkt man, nur dass sie aus der Oberpfalz kommt, und ganz klein und zierlich ist sie, zart.
Bob nestelt aus der Seitentasche seines Jacketts einen Flyer der Volksbühne, Spielzeitvorschau, 03/2009. Er entfaltet das weiße Blatt, wirft dabei fast die Guinness-Gläser vom Kneipentisch, schwankt kurz ein bisschen. Emma keift und bringt ihr kühles Nass in Sicherheit. Bob liest, was unter dem Punkt “AGORA” zu lesen steht, mit brüchiger Stimme, aber lupenrein theatralischer Intonation:

“Dass die Tragödie politisch gebraucht wurde, weil sie verstörende Momente von Negativität aufruft, die sich nicht beruhigen ließen, wirft die Frage nach der Art des Gebrauchs auf. Gerade dass sie den Alltag durch ihre verdichtete Darstellung eines ‘fabelhaften’ Konfliktes von ungekannter Radikalität und Härte unterbricht, bringt ein Element von Sprachlosigkeit in den politischen Diskurs ein, der ihn überfordern muss.”

Eben, sagt John, nickt jetzt ebenfalls düster, und zwar so düster, als hätte ihm jemand ein Gorgonenhaupt für sein eigenes aufgesetzt.
Eine Frage des Gebrauchs.
Georg sagt: Ich find das alles so unglaublich scheiße, dieses Verständnisinnige, dieses Konfliktscheue, Verlogene, das wir heute überall … ach. Scheiße!
Die Leute gehen sich selbst aus dem Weg, und das ist heute die Tragödie. Emma sagt diese zwei Sätze, dann rülpst sie, einen ganz leisen, zierlichen, zerbrechlichen Rülpser.
Die Tragödie heute ist, dass es keine Tragödie mehr gibt, fasst Bob, der den Spielplan jetzt nicht mehr zusammengefaltet bekommt und das Ding am Ende mehr oder weniger zerknüllt zurück in sein Jackett stopft, den Zwischenstand der Diskussion zusammen.
Es ist halb eins.
Guinness? sagt John in die Runde, mit seinem leeren Glas schon halb auf dem Weg zum Tresen.

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