Im Aus
April 4th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Irgendwann dann, als er merkte, dass sein Wunsch, Schriftsteller zu werden, ihn nirgendwohin geführt hatte, sondern ihn nur im Kreis herumirren ließ mit diesem Reclam-Büchlein und dem Bleistift in der Tasche, fing er an, sich selbst zu beobachten. Er trat gewissermaßen aus sich heraus und schaute sich von schräg oben, etwas im eigenen Rücken platziert, dabei zu, wie er durch die Straßen dieser Stadt lief. Als wäre er ein Luftballon, den er an einem dünnen Bändchen hinter sich herzog. Er merkte, er brauchte Abstand von sich selbst. Die Sonne hatte viel Volk ins Freie gelockt, oder was heißt: ins Freie? Eher ja ins Gehege, in den Menschenpark. Auf die zentrale Einkaufsmeile eben, in die Aorta des Städtchens, wo die Leute sich auf der Suche nach dem nächsten Sonderangebot gegenseitig umzurennen versuchten. Die legendären Jäger des fast schon verlorenen Schnäppchens, eine Herde von Schäfchen, die geschoren sein wollten. Dieser Flut von Leuten, die da im feiertäglichen Ornat an ihm vorbeibrandete, glitzernd und grimmig, schenkte er wenig Beachtung. Er war voll und ganz mit der Observierung des Misstrauens beschäftigt, das in ihm anschwoll. Das waren die Tätigkeiten, zu denen er sich erzogen hatte: Introspektion, Selbst-Beherrschung. Erstaunlich, dachte er. Erst dieser brutale, kaum erträgliche Selbsthass, der ihm jahrelang zugesetzt hatte, und sobald man das eine Problem mit allerlei Tricks und Mühen in den Griff bekommen hatte, fing diese Paranoia-Scheiße an! Was ihn noch mehr erstaunte als dieses Phänomen selbst, war, dass seine Erkenntnis nicht von Verzweiflung begleitet war. Er notierte die Beobachtung ganz gefasst, beinahe ein wenig gelangweilt. Für Verzweiflung hatte er nicht mehr das Feuer, schloss er, schließlich doch hinter einem Bier sitzend, im Schatten einer heruntergekommenen Markise, mit ein paar anderen Asozialen, die, Zigaretten rauchend und rauchig lachend, ein alkoholisches Herdengefühl herauf zu beschwören versuchten. Sie waren kaputt, allesamt, mit verfärbten, derangierten Augen, und manche der Weiber mit ihren überblonden, brüchigen Haaren schauten zu ihm herüber. Ich bin für die halt Frischfleisch, dachte er, das sind Annäherungsversuche des Gammelfleischs, ganz natürliche, kreatürliche Reaktionen. Auch die Männer, deren Männlichkeit vom Alkohol bereits mumifiziert war, zeigten sich nicht abgeneigt. Ein Gespräch konnten die sich vorstellen, oder etwas in der Art, ein paar hingebrabbelte Worte. Für die war er ein neuer Sportkanal im Fernsehen oder eine Gratiszeitung, die ein Student ausgelegt hatte. Man redete ringsum zu ihm hin, auf ihn zu, auf ihn drauf, aber er stellte sich taub. Er konnte diese Kumpanei der Deklassierten nicht ausstehen. Das waren ja nur alles Versuche, eine neue Topdog- und Verlierer-Hierarchie einzuziehen, nun aber mit vollends absurden Mitteln. Floh man denn aus der Gesellschaft, um dann von der Anti-Gesellschaft ins Abseits gestellt oder gar zur Rechenschaft gezogen zu werden? Er bestellte noch ein Bier, denn finanziell war er hier immerhin jemand, mit seinem Arbeitslosengeld 1, und zerrte das Reclam-Heftchen aus der Tasche seines angeschmutzten, weißen Jacketts. Es war nur ein Fremdwörterbuch, aber es reichte aus, um einen Sicherheitsabstand um ihn herum zu schaffen. Beinahe hätte er gegrinst, als er seine Zähne in die herbe Schaumkrone senkte. Endlich frei, dachte er, aber da sagte dieses dralle Weib, das er später als Uschi liebgewinnen würde, auch schon.