Vernetzte Kunst-Religion(en)

April 4th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In der Einöde, in der Provinz zu leben, hat den Vorteil, dass es schön ruhig ist. Von all den giftigen Überreiztheiten der Mode- und Zeitgeistwelt bleibt man verschont, und das ist wirklich oft ein Vorteil. Der Nachteil eines solchen Lebens in Abgeschiedenheit ist, dass man alles aus sich selbst heraus holen muss. Darum, z. B., ist die Presse im Hinterland immer so beschissen. Es ist wie im Kunstunterricht, in der Schule, wenn es hieß: Zeichnet mal diesen Stierschädel hier! Die meisten Abbildungen waren das Ansehen nicht wert, darum hat man sie mit einer 3 benotet, um sich nicht weiter damit befassen zu müssen. Ein bisschen Mitleid ist bei einer 3 ja auch immer dabei. 4 und 5, das hat schon wieder eine gewisse Eckigkeit, einen rebellischen Charme. Da fragt man sich: Ist der oder die doof oder faul? Aber bei einer 3? Eine 3 ist irgendwie Ausdruck der Normalität, ist eine 2, nur ohne Fleiß. Am besten ist die 6, da will sich einer mit dir anlegen.

Aber ich schweife ab. Zurück zur Reizflut resp. -dürre. Wenn man alles aus sich selbst heraus holt, dann ist man irgendwann erschöpft. Oder man beginnt zu delirieren. Da sind wir auch schon bei der sehr deutschen Tradition des Idealismus. Aus einem selbst steigt, weil die Umgebung keine Eindrücke liefert, blasenartig etwas hervor. Lass uns doch ein System draus machen, denkt man irgendwann, schon ziemlich nah an der Verzweiflung. In die Mitte stellen wir einfach ein Ding-an-sich. Keine Ahnung, was das sein soll. Aber wo kommen z. B. meine Gedanken her? Dieses Blasenartige, das mir durch den Sinn schäumt? Ich vermute einen Ursprung, und dieser Ursprung ist usw.

Man muss die Vollständigkeit vermeiden. Eine Ästhetik des Enpassant entwickeln, eine Ästhetik der Beiläufigkeit. „Ästhetik“ ist ja ein Reizwort für viele, es klingt so streng. Seltsamerweise hat offenbar keiner ein Problem damit, die Kategorie „Kunst“ für sich zu reklamieren, aber „Ästhetik“, brrr. Die Kunst, die sei vielgestaltig, heißt es, und irgendwie klingt heraus: Die Kunst ist ein Schmarren, nett und lustig, aber zu ernst braucht man das nicht zu nehmen! Ein bisschen so, wie die Protestanten mit dem Glauben umgehen. Erlösung ist schon okay, dieses zwischenmenschliche Ding ist angenehm kuschelig, man weiß ja auch nicht so genau, aber bitte, komm mir nicht dogmatisch! Da bahnt sich eine neue Kunst-Religion an, ein Kult des Wischiwaschi, Hauptsache Selbstausdruck. Auch das, natürlich, Sie ahnen es jetzt schon, sehr provinziell. Es ploppt da etwas aus dem ungeforderten Kopf heraus. Die Provinzialität des Cyberspace.

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