Wanderer, kommst du nach Houston
April 4th, 2009 § 1 Kommentar
Am Ende, als Johnny Revolver dann vor dem Spiegel stand, wurde ihm klar, dass es einfach nicht ging. Er hatte mit der deutschen Kultur schlicht und ergreifend nichts am Hut. Er hatte sich ja bemüht, aber dieser ganze Tiefsinn, dieses Wolken-in-die-Fäuste-Nehmen. Das Zermalmen von Donnerworten zwischen bröckeligen, ungeputzten Zähnen. Und allein diese Namen. Bernhard, Peter, Thomas, Michael, Werner, Ende. Das konnte ihm alles gestohlen bleiben, dieses germanistische Zeug, der Teutoburger Wald und Penthesilea, diese masochistisch-selbstmörderische Sehnsucht nach einem archaischen Süden, der Seelenblindflug durchs antike Griechenland.
Und anstatt den Tag dann wirklich mal zu ergreifen, wie Horaz geraten hat, und sich seine Süße in den Mund zu träufeln, knallte man sich lieber am Wannsee eine Kugel durch die Schläfe, nachdem man seine Süße um die Ecke gebracht und noch einen ermüdend pathetischen Abschiedsbrief aufgesetzt hatte. Dann war man ein Geistesheld für die Deutschen, nachdem man das Leben eines Geistesgestörten gelebt hatte. Am Ende nämlich wollten die Deutschen einfach mit dem Leben nichts zu tun haben, das war ihnen zu simpel, zu naheliegend, zu banal. Dann lieber ein schönes dickes Buch, das zu lesen garantiert Qual bedeutet. Der Deutsche brauchte es sakral, der perverse Sack, er wollte irgendwo angekettet sein und in die Eier getreten werden!
Das war nix für Johnny Revolver.
Johnny Revolver wusch behutsam und mit wohldosiertem Kraftaufwand seine Scheiße von seinen Fingern. Das mit dem Arschwischen bekam er nicht hin. Vor allem, wenn er so einen mordsmäßigen Schiss hingelegt hatte! Tonnenweise war der Kot eben aus seinem überfütterten Gedärm herausgedonnert. Bah. Einen halben Don DeLillo hatte er durchgelesen, während er darauf wartete, dass sein gastrisches System seine Arbeit endlich erledigt hätte. Und immer riss dann dieses dünne Klopapier, auch wenn Johnny Revolver es doppelt und dreifach faltete. Der Adhäsionskraft seiner Ausscheidungen war so ein Billigpapier, wie man es hier im Museum benutzte, in keiner Weise gewachsen. War aber auch seine Schuld, denn wie Klebstoff war seine Kacke, ekelhaft. Und wie sie stank! Dieses Großraumklo bot ja wahrlich genug Großraum, für jeden normalen Fall reichte das absolut aus. Hier konnte sich jede Ausdünstung so breit machen, bis sie sich komplett verdünnisiert hatte und kaum mehr zu bemerken war. Aber er? Er war einfach kein Normalfall, wenn’s ums Scheißen ging. Der Gestank haute ihn fast selbst um.
Seine Fresssucht spielte sicherlich eine Rolle, klar; daran zu zweifeln, wäre absurd gewesen. Er war verfressen wie ein Heuschreckenschwarm. Aber es spielte auch noch etwas anderes hinein, und er bekam dieses Andere einfach nicht zu fassen! Er rieb und rieb an seinen Fingern herum, verbrauchte einen halben Seifenspender dabei und eimerweise Wasser, aber den Gestank in seiner Nase, den bekam er nicht weg. Mensch, dachte Johnny Revolver, und dabei grinste er sich selbst im Spiegel an, wie gut, dass ich keinen Waschzwang habe. Das wäre erst mal eine Scheiße!
Und dann hob es ihm den Magen an, von dem Geruch, auch von den optischen Sinneseindrücken, und vielleicht war auch der Fisch gestern nicht mehr ganz einwandfrei gewesen, und er kotzte einen tüchtigen Schwall ins Waschbecken, über seine Hände, seine Hose, alles. Just in diesem Moment betrat so ein geschniegelter Deutscher die Großraumtoilette und sagte, ohne richtig hinzusehen: Die Sauerei machen Sie aber weg, ja?
Mhhhh! Charlotte de la Bloche?