Graf Dracula & Earl Grey

April 6th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Es ist schön, sagt Georg, dass du ruhig und resigniert bist, Bob. Das freut mich für dich.
Ich hebe meinen Teebeutel ein Stück aus dem Glas und lasse das Wasser ablaufen. Ich tue das sehr langsam, in beinahe ritueller Bedächtigkeit. Als bedeutete es irgendetwas. Es ist aber nur eine Geste, eine leere Geste, die ebenso wenig bedeutet wie damals das überstürzte Leersaufen von Biergläsern. Übersprungshandlungen. Die Tropfen stürzen zurück ins Glas, vereinigen sich mit der Masse, der Macht des Mehr, und ich sehe ihnen dabei zu. Ängstliche kleine Monaden ohne Weg und Ziel. Ich bin nicht bei mir selbst angekommen. Ich habe lediglich Wein durch Tee ersetzt.
Aha, ja, brumme ich, bezogen auf Georgs Bemerkung über meine Ruhe und Resignation und seine Freude.
Georg atmet durch, und das dauert eine Weile.
Aber wir brauchen den alten Bob zurück, den Aggressiv-Leader, sagt er dann.
Den Mark van Bommel des Blogozentrikers? sage ich mit einem schrägen, schmalen Lächeln.
Georg blickt mich lange an. Er versucht offenbar in meiner Miene zu lesen. Aber außer Ruhe und Resignation drückt diese nichts aus. Ich habe lange daran gearbeitet. Ich will meinen Ruf als cholerischer Psychopath los werden. Der Typ, dem dauernd die Hutschnur platzt, soll endgültig der Vergangenheit angehören. Wie Georg mich neulich wegen meiner Misanthropie interviewt hat – das hat weh getan. Damals beschloss ich: Freunde, von heute an wird zurückgelächelt und zurückgeschwiegen! Phrase wird fürderhin mit Gemeinplatz vergolten!
Kunst ist eine prima Sache, sage ich. Sie ist vielgestaltig, wie die Natur selbst. Man sollte sie nicht reglementieren. In der Kunst ist alles möglich. In der Wirtschaft nicht. Die Wirtschaft tötet. Die Wirtschaft wurde von einem bösen Dämon erfunden, die Kunst ist das Werk des Guten. Die Kunst ist wie eine gute Mutter, sie.
Red doch keinen Scheiß, sagt Georg und schüttelt angewidert seinen Kopf.
Ich bin mein Kollege, sage ich. Ich habe aus Versehen den Teebeutel ins Wasser platschen lassen. Mein Gesicht zeigt eine Mischung aus Hass und Verachtung. Mit einem Lächeln versuche ich diese Grimasse auszuwischen.
Bob, was soll das. Mimikry. Wem willst du etwas vormachen?
Ich bemühe mich lediglich, ein besseres Leben zu führen, sage ich. Ein freieres, ruhigeres Leben. Ein Leben, in dem ich nicht permanent angepisst werde.
Bob, das ist unrealistisch.
Mag sein, sage ich.
Georg sieht den beiden Mädchen am Nebentisch dabei zu, wie sie zahlen, die Sonnenbrillen aufsetzen und davon stolzieren. Studentinnen, die sich über Martin Buber unterhalten haben und über Shopping-Möglichkeiten.
Hübsche Dinger, sage ich. Du bist auf dem richtigen Wege, deinen inneren Frieden zu finden, Georg.
So? Meinst du? Dann hör dir das mal an. Georgs Kopf schießt herum, wie bei einer Klapperschlange. Seine Augen blitzen mich an. Robert-Louis von Kraßkow hat Tommy Schnell den Auftrag erteilt, ein Stück zu schreiben. Was sagst du nun?
Was geht mich das an?
Tommy Schnell.
Tommy Schnell ist Vergangenheit, sage ich, genau wie mein Alkoholproblem.
Ich hebe die Hände, die Handflächen nach vorn gedreht, und lächele mein entspanntestes Lächeln. Mein gelber Morgenmantel öffnet sich vorne, die Schöße gleiten seitlich an der Sitzfläche meines Stuhls herab. Ich schlage die Beine übereinander, und das fühlt sich gut an. Verdammt gut. Ich bin Herr der Lage. Ich bin ganz entspannt.
Georg sagt: Tommy Schnell hat die Knochen eines Säuglings in seinem Kühlschrank.
Das Entspannungsprogramm wurde gerade gestrichen, merke ich.
Eines Säuglings?
Ich weiß, was das zu bedeuten hat.
Von Kraßkow behauptet, es handele sich um die sterblichen Überreste seines Vaters.
Georg zischt mir die Worte zu, wie eine Warnung.
Meine Fresse, sage ich.
Tommy Schnell ist bereits im vierten Akt.
Wir sollten nicht den ganzen Tag hier herumhocken, sage ich und schütte den Earl Grey auf die Pflastersteine vor dem Café. Das ist doch alles nutzlos, sage ich noch. Und schmeckt auch noch beschissen. Sibylle, sage ich laut, bring mir einen White Russian!
Wir müssen aufbrechen, sagt Georg hilflos.
Kann ich nicht, sage ich. Ich fühle mich leer und ausgebrannt, Georg. Ich krieg meinen Arsch so hier nicht hoch, mit ein paar Schlückchen Earl Grey im Leib. Erst mal muss ich mich besaufen. Vorher passiert hier gar nichts.
Okay, sagt Georg. Aber dann geht’s los.
Worauf du Gift nehmen kannst, alter Junge, erwidere ich mit, aha, düsterem Nicken.

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