Spiel und Baller: Virtuelle Wirklichkeit
April 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Im Prinzip ist ja nichts dagegen zu sagen. Da sitzt halt einer in seiner Kreuzberger Butze, die Tage sind nicht minder lang als die Nächte, und da muss er was tun. Sonst wird er gleich irre. Also besorgt er sich Egoshooter-Spiele. Da schleicht er dann stundenlang als Antiterrorkämpfer durch, was weiß ich, WWI-Szenarien, deren feine Ästhetik Ernst Jünger eine Erektion beschert hätte, und knallt Pixelsoldaten ab.
Oh, Mann, Bob. Geht das schon wieder los?
Georg hatte die Arme vor sich auf dem Schreibtisch gefaltet und ließ jetzt schwer die Stirn auf den Stoff seiner Anzugärmel sinken. Er hatte Kopfschmerzen, zu viel Tequila mit seiner neuen Flamme, Simone, und jetzt dieses Gerede. Das war. Ich meine, sogar Georg brauchte ab und an mal eine Pause von diesem Gerede. Aber er bekam sie nicht – nicht, solange er sich nicht krankschreiben ließ. Wer aber ließ sich mitten in einer weltbedrohlichen Wirtschaftskrise krankschreiben? Noch dazu, wenn er davon lebte, dass er lauter Blödsinn produzierte? Und, um noch ein Nochdazu draufzusetzen, wenn er eine neue Flamme hatte, die unterhalten sein wollte? Er hob also seinen Kopf, nur ein Stückchen, so weit, dass er Bobs düsteres Gesicht hinter seinem Schreibtisch über den Rand seiner Ärmel erkennen konnte.
Wo ist das Problem, Bob? fragte er. Aggressionen sind Bestandteil der menschlichen Natur. Gerade im männlichen Körper fungieren sie als Treibstoff. Beispiele: Karriere, Fußball, Samstagabendgestaltung. Ohne Aggressionen ginge in unserer Raubtier-Gesellschaft ja gar nichts.
Es freute Bob, das zu hören.
Na, unbestritten, alter Junge, trompetete er los. Doch wohnt diesen lebenswichtigen Aggressionen, dem Survival-Treibstoff unserer Art, eben auch ein enormes Risikopotential inne.
Er patschte mit seinen flachen Händen neben die Tastatur. Er war bester Laune, streitlustig, wie unter Doping.
Also, sagte Georg vorsichtig, raus damit, Bob. Hau mitten drauf auf den Knopf. Was willst du mir denn eigentlich sagen, heute früh, am Donnerstag, dem 16. April 2009?
Ich frag mich nur, plärrte Bob (plärrte? Ja, plärrte). Wie blöd, mal im Ernst, muss man denn sein, um zu glauben, dass diese Art von Zeitvertreib keinen Einfluss auf das Sozialverhalten habe? Bob bewegte seine Hände in einer konzessiven, gleichwohl ein klein wenig rhetorischen Manier. Kein Mensch leugnet ja, fuhr er fort, dass ein mordsmäßiger Unterschied besteht zwischen dem Abknallen einer rechnergenerierten Feindtype und dem Umbringen des Klassenkameraden. Nur, im gleichen Atemzug erzählt uns Peter Sloterdijk beim “Philosphischen Quartett” (“Ich hab Hegel, und du?” – “Kierkegaard. Der sticht Hegel.” – “Ich hab aber Marx, mein Lieber!”), dass die Unterschiede zwischen wahrer und virtueller Welt täglich geringer würden. Der Abstand in unserem Kopf zwischen Möglichkeits-Szenario und Real-Umwelt schrumpft. Und ergo finden die Ballerspiele immer auch auf der Straße statt.
Makellose Logik, sagte Georg. Aber leider interessieren solche diffizilen, subtilen Unterscheidungen keine Sau. Genauso wenig wie Logik, mein Freund. Das interessiert keinen Menschen.
Meinst du nicht? Bob machte eine skeptische Miene.
Das meine ich, ja, meinte Georg. Also, ich meine nicht. Ich meine, dass nicht. Nein.
Scheiße, sagte Bob und schmiss seinen Rechner an, um nachzuschauen, ob diese eisige Schwabinger Schwabenschwuchtel mit dem Erfolgsgrinsen und der Verliererbilanz noch im Trainergeschäft war oder ob sie ihm endlich den kalifornischen Liegestuhl samt Wellness-Buddhas vor die Tür gestellt hatten.