Drei Farben Blau
April 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Eine, eine was?
- Ja, Bob.
- Spielvogel, Sie nehmen mich auf den. Doc. Kommen Sie.
- Nein. Wenn Sie mal in sich hinein lauschen.
- Eine Depression? Bei mir?
- Bob. Was Sie mir erzählen, von Ihren Abenden. Wenn Sie allein sind. Dieses Dämmernwollen. Dieses Bedürfnis nach ausgestrecktem Liegen. Und den Vögeln beim Singen Zuhören.
- Sie singen: Cheap, cheap, cheap. Wie ein Werbejingle für eine Gratiswelt.
- Okay, wie auch immer.
- Das ist keine Kleinigkeit, Doc. Und Sie kommen mir hier mit einer. Bob schüttelte den Kopf. Also, so eine.
- Doch, doch, sagte Spielvogel. Ich bin mir ganz sicher. Ich höre Ihnen schon so lange zu, Bob. Ich sitze hier seit Monaten, jeden Mittwoch, und höre Ihnen zu. Und jetzt hab ich’s endlich herausgehört. Eindeutig. Es ist da. Die unverkennbare Musik der Depression.
- Okay, vielleicht bin ich in letzter Zeit etwas.
- Und das Saufen, Bob? Was ist damit?
- Sie immer mit Ihrem Saufen!
- Es ist IHR Saufen, Bob.
- Dann eben MEIN Saufen. Aber SIE sind dahinter her.
- Warum weigern Sie sich, darüber zu reden?
- Verdammt, Doc. Weil es da nichts zu reden gibt! Ich trinke ab und an gern mal ein Gläschen Bier. Oder Wein. Das kommt vor. Aber wollen Sie mir daraus allen Ernstes.
- Sie trinken manchmal bis zur Besinnungslosigkeit, haben Sie gesagt, Bob. Um das klarzustellen.
- Bis zur. Wollen Sie mich verarschen?
- Filmriss. Das war Ihr Wort.
- Filmriss ist doch wohl was anderes als Besinnungslosigkeit?
- Ich sehe den Unterschied nicht, tut mir leid. Was ist der Unterschied?
- Besinnungslosigkeit, das klingt so. Dramatisch.
- Es IST dramatisch, Bob. Und Sie weigern sich, es sich einzugestehen.
- Was? Dass ich ein Säufer bin?
- Zum Beispiel.
- Ha! Sie sind mir ja echt ein schöner Therapeut! Ich komme hierher mit ein paar Angstattacken, die mir während der Arbeit zu schaffen machen, und ich gehe als patentierter Säufer! Ich dachte eigentlich, Sie wollten mir helfen, Doc, und mich nicht fertigmachen?
- Ich will Ihnen helfen, Bob. Spielvogel nahm seine Füße vom Schreibtisch. Nur müssen Sie, sagte er mit diesem eindringlichen, mütterlichen Blick, den Bob so hasste, endlich Ihren verfluchten Widerstand aufgeben! Sie müssen sich öffnen, Bob, sonst hat das hier absolut keinen Sinn!
- Ich leiste keinen Widerstand, Doc. Ich versuche nur, ein paar Dinge richtig zu stellen.
- Okay. Spielvogel schnaufte. Genau das meine ich. Haben Sie auch nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie ANSTRENGEND das ist? Ich meine, Ihre Bockigkeit auszuhalten? Ihren kindlichen Trotz?
- Ich bin also ein infantiler Säufer, ja?
- Sie sind regressiv, Bob, wenn Sie’s wissen wollen. Sie flüchten vor der Wirklichkeit. Sie sind noch nicht bereit für die Welt!
Bob schnellte von der Couch hoch. Er stützte sich auf den angewinkelten linken Arm und blickte Spielvogel frontal an.
- Doc, sagen Sie mal. Haben Sie sie noch alle?
Spielvogel kramte ein Taschentuch aus seiner Jeans und fing an, seine Brille zu putzen.
- Na klar hab ich sie noch alle, Bob. Was denken Sie denn?
- Wie können Sie dann sagen, ich wäre noch nicht bereit für die Welt?
- Weil es so ist. Sie lehnen es ab, sich wie ein erwachsener Mensch zu verhalten. Verantwortung zu übernehmen. Sie sind ein Kindskopf, ein Säufer, ein Querulant.
- Ich bin Texter, Doc.
- Damit kann man nicht alles entschuldigen.
- Ich werde halt dafür bezahlt, dass ich ein verlogener Idiot bin. Ein Psychopath auf Zeit. Ich lebe davon.
- Ich kann das nicht akzeptieren. Es ist eine Rationalisierung.
- Es ist die REALITÄT, Doc! Was soll ich denn sonst tun? Mit BEGEISTERUNG und ERWACHSENER HINGABE und womöglich noch mit LIEBE diese ganze Scheiße zusammentexten? Dieses Gelalle für Schwachsinnige?
- Beruhigen Sie sich, Bob.
- Haben Sie noch ein paar von diesen Blauen da?
- Nein. Spielvogel wühlte in seiner Pillenschale. Nur noch Gelbe und Rote.
- Oh, Scheiße. Bob wischte sich über die Stirn. Eine Blaue wäre jetzt echt hilfreich. Du lieber Himmel.
- Kommen Sie, nehmen Sie eine von den Gelben.
- Nein, nein. Von den Gelben bekomme ich immer so Edgar-Allan-Poe-Zustände. Das kann ich mir heute nicht leisten. Ich muss heute noch für so ein Schwimmbad in Köln texten. Sie wissen schon, Doc, mit Mini-Tsunamis und echten Haifischen. Um die Kinder auf die Härten des Lebens vorzubereiten. Damit sie später mal nicht so weinerliche Säufer werden wie ich.
- Sie haben Ihren Humor nicht verloren, lachte Spielvogel. Das gefällt mir, Bob.