Die Grollender-Donner-Revue

April 20th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

- Er brach dann den Kontakt zu allen ab.
- Wieso denn das?
- Weil er … oje. Wie soll ich das erklären?
- Mach doch mal.
Bob kratzte sich am Ohr.
- Das ist schon eine Psychokiste, sagte er.
- Das scheint mir die Psychokiste der Pandora zu sein. Aber mach sie mal auf.
- So was fasziniert dich, richtig, Georg?
Mit einem Lächeln.

Georg hob den Blick an die Decke und pfiff sich ein Liedchen. Das Liedchen trug den Titel: „Ich wasche meine Hände in Unschuld, Baby.“
Draußen klingelte eine Straßenbahn vorbei, und ein Radfahrer, auf dem Rücken einen Plastikrucksack für Transportzwecke, fiel halb von seinem Rad, Rennrad, schüttelte die Faust, fluchte. Ein Kurier, leider ohne Zar. Und nur gegen bar.

Bob beugte sich vor. Mit dem Ellbogen stieß er dabei aus Versehen gegen seine Tasse Milchkaffee, nicht groß, nicht XL, sondern extralarge, XXL. Das XXL-Café, Berlin-Mitte. Hier gab’s den besten Milchkaffee der Stadt, wo nicht der Republik. Vielleicht sogar der ganzen Welt? Auch das lauteste Geschwätz der Stadt und der Republik konnte man hier finden. Laut und flauschig, man konnte sich hineinfallen lassen, wenn die Nerven ermüdet waren und wund. Nur gerade jetzt, zur Höchstzeit, mittags, wo das Business die Körper und Geister auf Trab gebracht hatte, war das flauschige Geräuschkissen etwas stachelig. Myriaden von Handytönen, die unversehens hochsprangen, Charthits aus Handys, zu Demonstrationszwecken abgespielt, Handygespräche, die live geführt wurden, über 70 mal 70 Zentimeter große Tische hinweg. Wie auch immer. Auch an diese Dinge hatte man sich gewöhnt. Jedenfalls schwappte ein Mündchenvoll von diesem wirklich hervorragenden Kaffee über den schaumigen Rand von Bobs Tasse und leckte ins Porzellanweiß der Untertasse hinein.

- Bob, bitte, sagte Georg, komm zur Sache.
- Okay. Bob räusperte sich. Er hatte das Gefühl, dass er so mit den Leuten verklebt und verwoben … aber eigentlich verklebt war. Verstehst du? Verklebt, verzahnt. Wie mit Draht zusammengefügt.
- Ja?
- Er konnte sich selbst nicht mehr wahrnehmen. Er hatte keine Ahnung, was er wollte, ob er überhaupt wollte, ob er tatsächlich derjenige war, der wollen sollte.
- Eine Existenzkrise?
- Er konnte nur noch diese Leute wahrnehmen, seine Beziehung zu ihnen. Die pathologischen Verflechtungen, die Konkurrenz-Motive, die Missverständnisse, das ganze, ach.
Bob brach ab. Er starrte schwermütig in seinen Kaffee, in den kostbaren Schaum. Georg hatte einen furchtbaren Verdacht.
- Redest du von dir selbst? flüsterte er.
- Reden wir nicht alle immerzu und unentwegt von uns selbst? gab Bob grollend zurück.

Tagged:, ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Die Grollender-Donner-Revue at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.