Geschichte ohne Kohl, dafür mit einigen Köpfen

April 21st, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

- Weg, Weib, schrie Martin, lass ab von mir!
Martin machte zappelige Bewegungen, patschte panisch um sich; fehlte nur noch, dass er mit den Beinen gestrampelt hätte, dann wäre das Bild des entgleisten Säuglings in surrealer Überdimensioniertheit perfekt gewesen. Ein lachhafter Anblick. Dabei hatte Susanne doch nur einen schüchteren Annäherungsversuch gewagt, während des Konzerts im E-Werk. Jazz, ein bekannter französischer Trompeter, Alfons Degas. Der war doch ganz nett, der Typ, dieser Martin, hatte Susanne gedacht. Im Seminar hatte sie ihn angesprochen, weil er eine gebrannte CD von Thelonious Monk dabei hatte. Etwas merkwürdige Handschrift, hatte Susanne gedacht, aber Monk, immerhin. Ob er auf Jazz stünde? Er hatte erwidert: Ja, wieso? – So waren sie ins Gespräch gekommen, oder, was die Sache eher trifft: Susanne war ins Gespräch gekommen. Martin hatte sich hauptsächlich auf Hm,hms beschränkt und auf Gehüstel, auf nervöses Füßescharren und gelegentliche Ausrufe wie: Ja, nicht übel, nicht übel … Die ganze Sache hatte deutlich nach Beschleunigung verlangt.

Sie hatte darum seine Hand auf seine gelegt, in einem verstohlenen Moment, in der Hoffnung, er werde nun seinerseits seine andere, freie Hand auf die Ihre legen, was ihr wiederum Gelegenheit gegeben hätte … aber stattdessen kreischte dieser Tölpel los, als hätte sie seinen Hosenstall aufgezippt und einen Eingriff gewagt! Du meine Güte, dachte Susanne, die ja eine erwachsene, aufgeklärte junge Frau war und bereits mit mehreren, darunter auch sehr ansehnlichen, Männern sexuelle Erfahrungen gesammelt hatte, die also durchaus wusste, was sie tat und wie weit sie gehen konnte. Meine Güte, so ein verkrampfter kleiner Widerling, dachte sie, und Sie merken schon, verehrte Leserin, dass die Vorzeichen dieser Liebe nicht günstig sind!

Zwei, drei Köpfe drehten sich zu den beiden um, in dieser aspetisch modernen, nur der staatlich sanktionierten Kunst dienenden Mehrzweckhalle. Wie konnte man Alfons Degas so in einen, immerhin, Miles-Davis-Klassiker wie WALKIN’ hineinplärren? Das war ungehörig, das gehörte sich nicht! Nasen wurden gerümpft. Manche empfanden diese Störung allerdings auch als willkommenen Anlass, ihrem Unmut über die Qualität der Darbietung Luft zu machen, denn Degas befand sich nicht im Zenit seines Schaffens; die Sonne war längst hinter Capri im Meer versunken, und er trank jetzt mit den Fischern sauren Wein.

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