- Stell dir das mal vor. Amerika, wo es am schönsten ist. Wo die Leute erst einmal ausspucken, bevor sie eine Antwort geben. Wo ein Satz nie mehr als sechs Silben hat. Und wo Inzestkinder noch so aussehen, wie Inzestkinder aussehen sollen.
- Das mit dem Ausspucken, warf Georg ein, gilt das auch für Frauen?
- Dort, wo wir zwei jetzt sind, in Gedanken, käme kein Mensch auf die Idee, eine Frau irgendwas zu fragen. Im Traum nicht.
Georg pfiff leise vor sich hin.
- Mann, sagte er. Das Paradies.
- Absolut.
- Und der Schnaps ist natürlich selbstgebrannt?
- Einwandfreie Bootlegger-Qualität. Noch nicht mal an der Flasche hat der Staat seine Finger gehabt.
- Phantastisch.
- Zwei Gläser davon, sagte Bob, und dein Gehirn zieht sich zwischen deine Arschbacken zurück. Und lässt sich so schnell nicht mehr blicken.
Georgs Augen leuchteten. Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf.
- Erzähl mir mehr, sagte er enthusiastisch.
- Eine Hochzeitsfeier auf dem Lande läuft. Irgendein Idiot hat irgendeine Idiotin geheiratet, die er schon seit 25 Jahren kennt, obwohl er gerade mal 18 ist.
- Und sie ist 17, stimmt’s?
- Von dieser Welt rede ich. Alles ganz im ländlichen Stil. Du weißt schon. Als hätte ein Holländer Edward Hopper übermalt. Das Ganze besteht im Wesentlichen aus Stroh und Holz. Ein paar Bekloppte stehen auf einem auis Kisten zusammengehämmerten Podest, mit Fiedel, Steel Guitar, einem primitiven Schlagzeug und Schifferklavier.
- Schifferklavier? Im Süden der USA?
- Na, ein Akkorden, halt. Sie spielen einfache Liedchen mit simplen Texten. Was die Leute da unten halt so vertragen. IF YOU EVER GO TO HOUSTON, etwa, oder JOLENE oder THIS DREAM OF YOU. Solche Sachen.
- Einfache Songs für einfache Leute.
- Genau.
- Ich bin voll dabei, Bob.
- Wer nicht?
- SHAKE, SHAKE, MAMA.
- Ein toller Song, sagte Bob. Aber vergiss eines nicht, Georg.
- Was?
- Auch Edgar Allan Poe war Amerikaner.
- Wie könnte ich das vergessen?
- Mitten in der Feier, als die Stimmung am höchsten gekocht ist und der Bräutigam so richtig schön blau, da tritt jemand herein.
- Ein Untoter, stimmt’s?
- Ein Gespenst. Eine Erscheinung aus einer längst vergangenen Zeit.
- Einer der Gründerväter, Bob.
- Ja. Er hat sich unter den Arm die Declaration of Independence geklemmt.
- Gruseliger Typ.
- Eingefallen, klein, grau.
- Er riecht komisch.
- Keine Miene regt er.
- Aber jemand ruft: Hey, Grandpa! Schön, dass du auch kommst!
- Dabei ist Grandpa seit 25 Jahren tot, Georg.
- Er ist im Bürgerkrieg gefallen.
Bob stutzte.
- Du weißt, wann der Bürgerkrieg in Nordamerika war, oder?
- Okay, dann war er bei Gettysburg dabei.
- Hm. Dann war Grandpa aber ganz schön alt, als er endlich das Zeitliche segnete.
- Jetzt sei nicht so pedantisch, Bob.
- Du hast Recht. Immerhin sind wir hier im Lande der Lyrik unterwegs.
- Mit der Unabhängigkeitserklärung unterm Arm.
- Das hier wird eine nette kleine Teaparty.
- Der alte Knabe schlurft durch den Raum, den ganzen Weg bis zum klapprigen Podest. Einer hilft ihm hoch, stellt ihn vor das Mikro.
- Alle Hochzeitsfeiergäste haben leuchtende Augen. Die Braut hat die Hände vor dem Mund gefaltet, und aus ihren Augen spritzt geradezu der Weltschmerz als pures Glück.
- Und dann fängt der alte Zombie an zu singen, in seinem weißen Anzug, mit dem weißen Hut.
- Er ist ein alter Tex-Mex-Barde, und er singt: IT’S ALL GOOD.
- Mit einer Stimme, die schon vor vielen, vielen Jahren verwest ist.
- Ja. Eine Grabesstimme. Mit ganzen Klumpen Erde drin.
- Mann, Mann, Mann.
- Cool, oder was meinst du, Georg?
- Da wär ich gerne dabei gewesen, so viel steht mal fest.
- Was denkst du denn, fragte Bob nach einer Weile entzückten Schweigens, wer zuerst davon berichten wird?
- Na, die Netzeitung. Die sind doch immer einen Mausklick näher dran.
- Ach. Scheiß doch auf die Netzeitung.
- Das stimmt. Die geraten immer ins Schwärmen, sobald von abgehalfterten Stars aus den Sixties die Rede ist, die einfach nicht ins Alterheim gehen wollen, sondern lieber ins Tonstudio ziehen. Dann kommt so ein Schwall Pseudopoesie, bis man das Gefühl hat, eine ganze Konditorei-Theke leergefressen zu haben.
- Ich glaube, Willi Winkler wird als erster über den Grusel-Gig berichten.
- Ach so? Georg hatte sich in seinem face2buns halb aufgerichtet. Ich dachte, das wäre Willi Winkler, dieser alte Zottel, der Grandpa, der Gründervater?
Apr27
Das, Leute, ist die Zukunft der Plattenkritik. Und ihr dürft dabei sein.