TOGETHER THROUGH LIFE
April 28th, 2009 § 1 Kommentar
Jim Jones hat einen unglaublich festen, dabei sozusagen rücksichtsvollen Händedruck. Er ist ein echter Meister des Handshaking. Wenn er jetzt ein paar Wertpapiere aus der Tasche seines maßgeschneiderten Jacketts zöge – ich wäre sofort dabei. Sein Lächeln ist extrabreit, um seinen Zähnen Gelegenheit zu geben, sich durch marmorne Kerngesundheit zu empfehlen. Die graumelierten kurzen dunklen Haare stehen aufgerichtet über seiner vergleichsweise niedrigen, geriffelten Stirn. Seine Augen kleben an meinem Blick wie Kletten. Überaus freundliche, zuvorkommende Kletten. Jim Jones ist im Reinen mit sich selbst – so viel ist klar, als ich den Vorsitzenden des Dylanologen-Verbandes Alabama kennen lerne.
Sofort winkt Jim Jones ab und lacht.
Nein, nein, sagt er, das mit dem Vorsitzenden, das solle ich mal schnell wieder vergessen, einer müsse den Job halt machen! In diesem Fall sei er nur ein Dylanologe wie jeder andere. Vor allem, wo sich Michael Gray in der Stadt aufhalte, der Herausgeber der “Bob Dylan Encyclopedia”.
Ich sehe, dass auch bei den beiden Sekretärinnen, die beflissen auf ihre Tastaturen einklopfen, die Augen erblühen in enthusiastischem Strahlen, als der Name “Michael Gray” fällt.
- Ihre Persönlichkeit spielt also keine Rolle? will ich von Jim Jones wissen.
Was mich vor allem überrascht, ist Jones’ dunkle, samtene, glatte Stimme.
- Meine Persönlichkeit? Der sonnengebräunte Mittvierziger lacht. Nein, ruft er amüsiert aus, um Himmels willen! Nein! Er kriegt sich gar nicht mehr ein. Das Einzige, was an mir noch interessant ist, sagt er, ist meine Lesefähigkeit. Und, fügt er bedeutsam hinzu, meine Kombinationsgabe!
- Aha? Das macht mich natürlich neugierig. Was tun Sie denn genau?
- Ich lese im Augenblick den ULYSSES. Jim Jones legt die ziegelsteinartige Penguin-Ausgabe des Opus magnum der literarischen Moderne auf den Tisch. 1040 Seiten. Also, sagt er, ich lese ihn nur quer, mehr oder weniger. Um herauszufinden, ob alle Wörter, die Dylan hier auf der neuen Scheibe bringt, auch im ULYSSES vorkommen.
Ich wisse doch sicher, hatte mir ein paar Minuten vorher in einem provisorisch eingerichteten Dylanistic Research Headquarter der eminente Michael Gray mitgeteilt, dass im Song I FEEL A CHANGE COMIN’ ON explizit James Joyce erwähnt werde? “I’m reading James Joyce”, heiße es da, unmissverständlich, wie Michael Gray sofort hinzufügt. Ihm wäre beinahe die Brille von der Nase gefallen, so heftig hüpfte sein graues Gelehrtenhaupt auf und ab, während er mit mir sprach. Was ihm schwer zu schaffen machte, war, dass kurz darauf auch noch von “Everybody” die Rede sei, der alle Blumen habe usw. Er, der Sänger, womöglich Dylan himself, habe dagegen keine einzige Rose. So der Liedtext.
Ich schaute Michael Gray mit einem hilflosen Blick an.
- Und?
- Macht’s da nicht “klick” bei Ihnen? Erst ist von James Joyce die Rede, und dann dauernd von Everybody?
Ich lausche in mich hinein. “Klick”? Nö. Ich höre nichts.
Ein paar Dylanologen kommen herein, immer wieder, tuscheln Gray etwas ins Ohr, er tuschelt eine Antwort, dann gehen sie wieder ab, beflissen, gebückt, hingebungsvoll.
- Bedaure, sage ich, ich stehe offensichtlich auf dem Schlauch.
- Here Comes Everybody, kreischt Michael Gray. HCE. Das habe er recherchiert, im Internet. HCE, das stehe für Humphrey Chimpden Earwicker. Das sei ein irischer Kneipenwirt aus Dublin, der Held von FINNEGANS WAKE. FINNEGANS WAKE, denke ich, das ist ja noch einen Tick irrer als der ULYSSES. Das hat ja nun DEFINITIV keine Menschenseele je gelesen.
- Aber wenn es um FINNEGANS WAKE geht, sage ich zu Jim Jones, warum lesen Sie denn dann den ULYSSES?
Lachen. Ein Lachen, das sich Zeit lässt. Erstens sei das selbstverständlich einfacher, gibt Jim Jones dann irgendwann munter zur Antwort, und zweitens sei als nächstes selbstverständlich FINNEGANS WAKE dran. Ich überlege, ob ich ihn darauf hinweisen soll, dass es auch noch eine Ausgabe mit dem James-Joyce-Text von 1922 gibt. Aber das erscheint mir in diesem Moment grausam, auch wenn ich zweifele, ob man Jim Jones’ Ausgeglichenheit WIRKLICH erschüttern kann.
- Überprüfen Sie auch die, na ja. Die Reihenfolge der Wörter? frage ich.
- Die Reihenfolge?
- Ja.
- Sie meinen, ob ich gucke, ob die Wörter, die Dylan singt, in der gleichen Reihenfolge auch im ULYSSES vorkommen?
- Ja.
Jim Jones kneift die Spitze seiner Nase mit Daumen und Zeigefinger. Er tauscht einen Blick mit den beiden Sekretärinnen aus. Offensichtlich bin ich in die Familie aufgenommen, gewissermaßen. Sogar das Klappern der Tastaturen hört für einen Augenblick auf.
- Das ist eine gute Idee, sagt er. Daran haben wir noch nicht gedacht. Aber das werden wir selbstverständlich prüfen.
- Und wenn’s nicht so ist?
- Dann schaue ich mir die Songs einzeln an.
- Ach so? Ich bin ehrlich erstaunt über so viel Philologeneifer. Und vorher checken Sie das ganze Album, komplett? Also TOGETHER THROUGH LIFE in seiner Gesamtheit, von vorne bis hinten?
- Ja, selbstverständlich, ruft Jim Jones begeistert aus. Das ist die übliche Vorgehensweise.
- Und dann schauen Sie noch mal, ich meine. Bei jedem Song? Wegen der Reihenfolge der Wörter?
Im Hintergrund trägt jemand einige Kilo bedrucktes Papier quer durch das Büro, hinüber zu dem kleinen Glaskasten, in dem Michael Gray telefoniert.
- Aber selbstverständlich tue ich das, sagt Jim Jones.
- Das ist doch aber unglaublich zeitaufwendig, oder nicht?
- Na und? Jim Jones lässt mich noch einmal in Ruhe jeden einzelnen seiner herrlichen Zähne betrachten. Was spielt Zeit hier denn für eine Rolle? Hier geht es immerhin um die Ewigkeit.
Ach, lebten wir doch in einer Welt! In der man es mit solchen Artikeln auf Platz eins der Charts schafft. Ja, lebten wir doch!