Oswald „Ozzy“ Geigger war einer von diesen unerträglich langweiligen Leuten, die schon mit 25 Jahren fade gewesen waren, sich damals aber noch für die Allergeilsten hielten, weil sie in der Lage waren, vier oder fünf Bier zu trinken, ohne zu torkeln – wir reden natürlich von 0,33-Liter-Flaschen. Nicht, dass Ozzy sich nicht immer noch für einen der Allergeilsten gehalten hätte. Nur spannte inzwischen das Motörhead-T-Shirt doch beträchtlich über seinem Bauch, und Gleiches konnte man mit Fug und Recht von seinem „Dark Side of the Moon“-T-Shirt sagen. Er war nicht langsamer geworden, merkte inzwischen aber manchmal selbst, wie langsam er war. Er trug einen schwarzen Pferdeschwanz zu einer nachtschwarzen Brille, die er zu seinem schwarz nachgefärbten Bart trug, und lud sich die alten Pink-Floyd-Alben per iTunes aus dem Internet auf seinen iPod runter, und mit dem zog er sich den immer noch in allen Farben bürgerlicher Psychedelik schillernden Kram dann rein, während er an seinen Plakaten für Audi-Händler in Osnabrück und Duisburg werkelte. In den Montags-Konferenzen hörte er niemals richtig zu, denn er war die ganze Zeit über damit beschäftigt, den richtigen Moment für einen coolen Spruch abzupassen, an dem er gewerkelt hatte, während er, Pink Floyd hörend, an den Audi-Plakaten gebastelt hatte. Immerhin, er machte einen gelassenen Eindruck und bedrängte niemanden, solange man nicht ein Fachgespräch über den Streit zwischen Roger Waters und David Gilmour mit ihm suchte.
Bert „Big“ Bruder war geladen.
- Wisst ihr, Jungs, fing er an, sich halb in seinem face2buns aufrichtend, allmählich komme ich mir so vor, als würden wir hier ein Branchenblatt für die Arschleck-Industrie produzieren, mit dem Titel „Blähgozentriker“. Claim: „Furz mir ins Gesicht.“
Martina kicherte. (Wer Martina ist, müssen Sie schon selbst herausfinden.)
- Ja, es ist eine Schande, sagte auch Bob Macha, der seit kurzer Zeit Teilhaber war und sich in dieser Funktion natürlich auch so seine Gedanken machte, und wenn auch eine Chance, sagte er, ziemlich im Unklaren darüber, was er seinen Leuten eigentlich sagen wollte, wenn auch eine Chance, so ist es doch auch eine Schande! Hilflos klebte er rasch noch ein: Leute! an seinen Satz dran.
Bert „Big“ Bruder blinzelte irritiert. Hatte er Bob Macha zum Teilhaber gemacht, damit der hier so einen Scheißdreck verzapfte? Außerdem hatte er Kopfschmerzen. Die ganze letzte Woche inklusive Wochenende war er auf Achse gewesen, von einem Termin zum nächsten gerauscht in der Dienstkarosse. Vielleicht sollte er sich einen Fahrer zulegen? Sein Blick fiel auf Georg, der freundlich vor sich hin lächelte … Die Sonne knallte keck gegen die breite Glasfront des Besprechungsraums. Draußen war saumäßig gutes Wetter, und er musste hier den Leuten den Arsch aufreißen … bzw. nein, nicht schon wieder dieses Thema. Er musste ihnen einen Einlauf verpassen … du lieber Himmel, schon wieder dieses tückische Thema, das an einem klebte wie Hundescheiße, nein, nicht Hundescheiße, Themawechsel, er verpasste hier seinen Mitarbeitern einen Anschiss – ah, nein! Halt! Halt! Nichts mit Arsch, nichts mit Scheiße, weg mit dieser ganzen fatalen Analität, bitte! Martina, machen Sie doch was!
- Ich les euch das mal vor, sagte Bob Macha. Ich meine, davon, dass der erfolgreichste Artikel des Tages zum wiederholten Male „beim arschlecken schön furzen“ ist, davon will ich schweigen. Welcher Idiot uns das eingebrockt hat. Sein Blick fiel auf Georg, dessen Miene sich verfärbte. Nun, das Problem ist generellerer Natur. Ich weiß nicht warum, rief Bob Macha, aber wir sind wirklich ein bisschen in eine ungute, ungesunde Ecke gedrängt worden. Ich lese mal die Suchbegriffe der letzten beiden Tage vor, dank derer die Menschen da draußen auf den Blogozentriker aufmerksam wurden. Da haben wir:
arsch lecken furz
arsch ins gesicht lecken
beim lecken ins gesicht furzen
arsch lecken
arschlecken ist schön
furz beim arschlecken.
Bob Macha machte eine Kunstpause, die er dazu nutzte, mit seinen Scanneraugen noch einmal alle Gesichter im Raum abzutasten.
- Okay, sagte er dann. Hat dazu jemand von euch was zu sagen?
- Ich nicht, sagte Georg schnell.
Oliver Brück meldete sich zu Wort, einer der Grafiker, der auf der Website seit drei Jahren als „Oliver Bürck“ firmierte.
- Ich sehe nicht ganz, sagte er, wo das Problem ist. Ich meine, solange die Leute auf unseren Blog kommen? Ist es da nicht ganz egal, welchem Suchbegriff wir das zu verdanken haben? Für unsere Anzeigenkunden ist das Warum doch ganz egal.
- Ja, meldete sich da endlich auch „Ozzy“ Geigger zu Wort und ließ seine Stimme lustig aufgekratzt klingen, außerdem, wenn der Furz schön nass ist?
Erst als er reihum in die Gesichter seiner Kollegen sah, wurde ihm klar, aus welchem Grunde er sich sonst immer eine ganze Woche Vorbereitungszeit für seine witzigen Einwürfe genommen hatte.