Solange kopieren, bis es original wird
Mai 3rd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Sie sagen, diese Gedichte seien das Intelligenteste und Eindringlichste, was sie seit Jahren zu lesen bekommen hätten.
- Na ja, sagte Bob Macha scharf, kein Wunder. Sie sind ja von Rilke.
- Aber Bob, es ist doch etwas völlig anderes, was er macht, warf Susanne ein. Er nimmt sich diese Gedichte von Rilke, und er kopiert sie, von Hand. Er hat keine besonders schöne Handschrift, aber er sagt, das gehöre für ihn zum Konzept. Für ihn macht das einen Großteil der Bedeutung dessen aus, was er tut. Er sagt, wenn er diesen Mut nicht aufbrächte, sich dieser wirklich grauenvollen, schülerhaften Krakelhandschrift zu stellen, dann könnte seine Arbeit auch jeder X-Beliebige machen.
Bob Macha warf seinen Kopf in den Nacken und rief:
- Mut! Ha! Mut zum geistigen Diebstahl, großartig! Ich gratuliere! Seid ihr jetzt eigentlich alle VOLLKOMMEN -
- Zeile für Zeile kopiert er die DUINESER ELEGIEN, sagte Susanne unbeirrt, Text für Text. Und dann vervielfältigt er sie auf diesem billigen Papier, das bricht, wenn man zu schnell umblättert, und wie er sie vorliest, also vorträgt, die Gedichte, man muss ja wirklich von einem Vortrag sprechen, von Vortragskunst, das ist.
- Das ist einfach Publikumsverarsche, schrie Bob. Er beherrschte sich, drosselte sich, setzte ruhiger hinzu: Wie kann man denn so blöd sein, diese ganze Absurdität mitzumachen, Mensch?
Bob warf Blicke um sich, und diese Blicke wurden von den Nachbartischen durchaus erwidert. So führte man sich einfach nicht auf im “Chez Chef”! Man brüllte hier nicht herum, man bohrte sich hier nicht mit der silbernen Gabel in der Nase, und schon gar nicht sprach man Wörter wie “Lüge” und “Diebstahl” aus. Das waren Betriebsgeheimnisse. Bob Macha wischte sich verlegen mit der Serviette über den Mund.
- Eines steht fest, fasste Corinne, Susannes Chefin, ihre Argumente zusammen. Die Leute mögen Robert-Mattheis-Gedichte.
- Weil sie Rilke-Gedichte sind, wiederholte seinerseits Bob Macha.
- Nein, das ist Unsinn, Bob. Corinne schüttelte ihren Kopf, und Susanne, ihre Assistentin, ein Mädchen mit renaissancegemäldehaft hoher Stirn und blumensanften Augen, schüttete zwei Tabletten Süßstoff in den Latte arrabiato, den man gerade vor ihre Chefin hingestellt hatte. Latte arrabiato war das Modegetränk der Stunde, Kaffee, veredelt mit einer Chilischote, und Corinne legte Wert darauf, bei jedem billigen Trend am Ball zu bleiben. Es war, als wollte sie, aus einem masochistischen Impuls heraus, ihre Minderwertigkeit in Fragen des Stils beweisen, das völlige Fehlen eines eigenen Charakters, einer umreißbaren Meinung, eines Standpunkts. In Wahrheit ging es ihr jedoch darum, ihre Konkurrentinnen in den Literatur-Agenturen überall in der Republik in Sicherheit zu wiegen, ihnen das Gefühl zu geben, mit ihr müsse man nicht rechnen. Das war das eine. Das andere war, dass ihr dieses beharrliche Verfolgen vulgärer Verhaltensmuster tatsächlich reale Vorteile verschaffte, wenn es darum ging, die Nase im Wind zu haben. Die Banalität ihrer Vorlieben schärfte ihren Instinkt für die Bedürfnisse und Wünsche der Masse.
Corinne war unglaublich, und definitiv war sie zu viel für Bob Macha, der überlegte, ob er sich nicht einen Martini gönnen sollte, mit einer Olive darin. Der Gedanke an diese Olive tröstete ihn und trieb ihm beinahe die Tränen in die Augen, aber bestimmt war das eine Verschiebung in seinen Sehnsüchten, eine Fehlprojektion.
- Mein Gott, sagte Corinne genervt, darf man denn hier wirklich nicht mehr rauchen?
- Nirgendwo mehr, nein, sagte Bob Macha. In ganz Bayern.
- Man könnte natürlich einen Club aus dem “Chez Chef” machen, flötete Susanne, dann dürfte man hier nämlich auch rauchen!
- Nur, sagte Bob, wer von diesen Typen hier würde einem Club beitreten, der sie als Mitglied haben will?
Corinne lachte, ein spitzes und hohes, aber irgendwie auch irritierend sympathisches Geräusch.
- Marx-Brothers, oder? sagte sie und verstaute ihre Schachtel Marlboro Light wieder in ihrer schwarzen Handtasche.
- Marx-Brothers? Susanne runzelte ihre abnorm hohe Stirn.
- Das war so eine amerikanische Komikertruppe zu Schwarzweißfilmzeiten, schmunzelte Corinne. Mit Karl Marx haben die nichts zu tun. Einer von ihnen hat mal diesen Spruch gebracht, den unser Freund Bob gerade zitiert hat.
- Aber Quatsch, Marx-Brothers zitieren, sagte Bob Macha im Ton tiefer Entrüstung. Das, was ich mache, ist doch ganz etwas anderes! Das ist Vortragskunst!