Die tödliche Macht der Bilder
Mai 4th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- Aber nein, sagte Bob Macha und stand halb auf, bitte, bleiben Sie doch sitzen! Das ist doch Ihr Platz, wenn überhaupt, dann gehen wir, Sie saßen doch als Erste hier!
Der Mann, der auf der anderen Seite des Tisches aufgestanden war, ein schlanker, großgewachsener Mann mit vorzeitig ergrautem Haar und unheimlich regungsloser Mimik, hob abwehrend die Hand:
- Nein, nein, sagte er leise, keine Umstände! Mein Gefährte und ich können uns jederzeit auch einen anderen …
- Aber nein, nein. Warum denn? Hier ist doch Platz für uns alle, rief Bob Macha aus, während seine Frau, Simone, erfrischt von der Toilette zurück, neben ihm in die Sitzbank schlüpfte.
In der Bar herrschte ein unvorstellbares Gedränge. Die Touristen ließen sich in Scharen von der gemütlich-üppigen Auslage hinter den dunstig beschlagenen Fensterscheiben anlocken. Um diese Tageszeit brauchte jeder eine kleine Stärkung.
- Sind Sie zum ersten Mal in Venedig? fragte Simone den rätselhaften Grauhaarigen, der, zögernd und sich räuspernd, wieder Platz nahm. Er hatte einen Schal um den Hals geschlungen, und die junge Frau fragte sich, ob er ein Tenor sei oder so was. Dafür sprach auch der elegante Mantel und die Wildlederhandschuhe, die der Fremde vor sich auf den Tisch legte. Definitiv eine Kunst-Figur! Das Gesicht des Fremden wirkte, als gehörte es zu einem Exponat aus Madame Toussauds’ Wachsfigurenkabinett. Widerstrebend hob der Fremde seinen Blick:
- Nein, ich komme regelmäßig hierher, murmelte er.
- Dann lieben Sie Venedig wohl genauso wie wir? rief Bob Macha aus.
Der Fremde bewegte den Fokus seiner hellblauen Augen sehr, sehr langsam zur Seite, dorthin, wo Bob Machas Gesicht war. Wie aus einer tiefen Trance heraus sah er ihn an, und wenn auch nur kurz, so doch mit einer Intensität, die Bob Macha frösteln machte. Der Unheimliche sagte dann endlich leise:
- Lieben? So weit würde ich nicht gehen.
Der Kellner kam, und sie gaben ihre Bestellung auf. Bob Macha bestellte einen Aperol, seine junge Gattin nahm einen Espresso. Der unheilvolle Fremde mit den grauen Haaren wählte einen Latte macchiato. Der Kellner sah ihn angeekelt an, woraufhin der Grauhaarige ein rauhes, gemeines Lachen ausstieß, dem Kellner in die Hand patschte und sagte:
- Un ‘spresso per me, Giovanni!
Giovanni lachte lauthals und venezianisch derb und schob ab.
- Wir machen immer einen Scherz, erklärte der unheimliche Typ mit einem gruseligen Lächeln. Dazu wackelte er mit dem Daumen.
- Lässt du mich rein?
Am Tisch war ein Endvierziger aufgetaucht, mit rotem, weit vorgewölbtem Rollkragenpullover. Er trug eine dicke runde schwarze Brille und starrte Bob Macha und seine Gemahlin mit unverschämter Neugier an. Seinen zusammengelegten Mantel warf er in die Ecke, während er seine Körpermassen über den Schoß des Grauhaarigen schob.
- Diese Scheißhäuser im Süden sind wirklich das Allerletzte, plapperte er. Ich meine, zum Pinkeln mag das ja noch gehen, aber sich mal schön hinsetzen zum Kacken? Das ist kein Vergnügen, kann ich euch sagen! Offenbar ist Auf-die-Klobrille-Pinkeln hier so eine Art Nationalsport!
Bob Macha und Simone wechselten einen Blick, der ungefähr sagte: Na, hätten wir doch mal lieber den Platz gewechselt vorhin!
- Ich heiße übrigens, sagte der Dicke, seine Hand über den Tisch streckend, Philip Esser. Ich nehme an, diese saure Gurke hier neben mir hat sich noch nicht vorgestellt?
Das wächserne Gesicht des Grauhaarigen wurde noch einen Farbton blasser, aber endlich kam ein wenig Bewegung in ihn.
- Seine Freunde, sagte er aus seinem starren Mund heraus, nennen diesen Idioten Phi, wie in: “Klein-Phi macht auch Mist”.
- Sehr witzig, sagte der Dicke.
- Ja, sehr erfreut, schob Bob Macha sich schlichtend dazwischen, Philip Essers Hand schüttelnd, mein Name ist, und er nannte seinen Namen, was Simone auf ihre Weise wiederholte.
- Und Sie? fragte die junge Frau danach den Grauhaarigen direkt. Sie fragte sich, warum der gespenstische Knabe so ein Geheimnis aus seinem Namen machte.
- Mein Name, sagte der Grauhaarige endlich, ist Robert-Louis von Kraßkow.
- Sehr erfreut, sagte Bob Macha.
- Erfreut? Philip Esser rollte ironisch mit den Augen. Ob das so ein Grund zur Freude ist, den alten Robert-Louis kennen zu lernen, lass ich lieber mal dahingestellt!
- Jedenfalls haben wir denselben Vornamen, sagte Bob Macha. Jedenfalls zum Teil.
- Das ist sicher so, sagte der Grauhaarige eisig. Aber ich würde aus dieser banalen Koinzidenz keine weiterreichenden Parallelen ableiten.
- Jetzt sei mal nett, rief Philip Esser.
- Ich bin nett, sagte Robert-Louis von Kraßkow mit toten Augen. Ich will nur nicht in irgendeine Scheiße reingezogen werden.
Bob Macha warf Simone wieder einen Blick zu.
- Da kommen die Getränke, rief die junge Frau beinahe hysterisch.
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