Kants Schmerz, von de Sade enthüllt

Mai 5th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die eigentliche Lektion, die Robert-Louis von Kraßkow uns zu erteilen hat, schreibt Daniel Wagner in einem Aufsatz mit dem seltsamen Titel “Krasse Köpfe”, bestehe weniger in einem Hinweis auf die Unmöglichkeit, dass je einer von uns Vater (im umfassenden, also einzig wirklich gültigen Sinne) sein könne – aus dem Grunde, dass keiner von uns je wirklich zur Welt gekommen ist -, sondern eher in einem Zögern vor dem übereilten Insistieren auf der vollzogenen Gebürtlichkeit oder, weniger spitzfingrig ausgedrückt, in der grellen Zurschaustellung eines eklatanten Mangels an genereller Zurweltgekommenheit. Nicht so sehr also das Kinderskelett, dass RLvK in einer Adidas-Sporttasche mit sich herumträgt, sollte im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen – auch wenn es um diese als Schauer- und Schaustück natürlich “mit fliegenden Fahnen heischt”, wie Wagner einräumt. Wichtiger seien dennoch Bemerkungen wie das mit einem “Ausdruck voll Ekel und Häme” vorgebrachte: “Nein, ich wurde aus keines Menschen Schlund geboren.” Wagner warnt uns davor, diesen “Schlund”, wie ein automatischer Reflex unserer Geistesmechanik es will, als gynäkologischen Ort zu verstehen; seiner Ansicht nach sollte man bei der Interpretation “zumindest in Betracht ziehen, dass dieser Bursche, der sich ‘Blogozentriker’ nennt, seinen Namen mit Bedacht gewählt hat”. Was RLvK hervorhebt, ist, so Wagner, ganz einfach, dass seine Existenz bislang noch nicht AUSGESPROCHEN wurde. So verrückt es klingt, er fühlt sich, und diese Regieanweisung kann man ganz klar auf ihn beziehen, “wie ein totes Stück Fleisch, das zwischen den Wangen einer Dirne hängt” – worauf er wartet, ist, von einer liebenden Stimme, von einer Zunge, die echte, tiefe Anteilnahme bewegt und beseelt, in die Existenz gerufen zu werden! Worauf RLvK pocht, ist sein Recht, von Atem und Klang aus der Phalanx “toter Schriftzeichen, splitterig und bissecht”, getragen zu werden, die den Computerbildschirm des Blog-Lesers im Akt der Lektüre bedeckt. Er freut sich “auf orgiastischen Gesang, der meine Umrisslinien mit wohlriechenden, prickelnden Essenzen füllt, auf dionysische Dimensionalisierung”. Was hier vorliegt, ist demnach eine Anklage des – hätte man früher sagen dürfen – Nur-Papier-Seins – um die Höchststrafe zu zitieren, das oberste Strafmaß, das einer erdichteten Gestalt droht. Der Einzige, der das geheime Grauen, das RLvK repräsentiert, wahrzunehmen vermag, ist Bob Macha. Während Tommy Schnell die Kindergebeine unbesehen in seinen Kühlschrank stopft und sich damit einreiht ins Heer jener, denen es bloß um die Erledigung “dieses klebrigen, etwas übelriechenden Geschäfts” namens Leben geht, bemerkt Macha mit einem “metaphysischen Schauer transzendentaler Hilflosigkeit”, welch ein “aufreizender Widerspruch” in den “vor der Zeit ergrauten Haaren” RLvKs und seinen “vor der Zeit durch Grauen in Wachs verwandelten Gesichtszügen” liegt. Der Vater, um diese Beobachtung mit Melanie Klein’schen Termini neu zu beschreiben (re-write), der Vater hat sich von einer lebendig-teilnehmenden Instanz voll identifikatorischen Gefühls in eine leere, ausdrucksstumpfe Maske verwandelt – möglich, dass “eine Art perversen Trosts” zu finden ist in solcher Entrückung in die Welt der Ideale (Wagner macht kein Hehl daraus, dass er sich als Antiplatoniker versteht, dem ein Schluck Wein jederzeit lieber ist als eine mustergültig geformte Amphore), möglich aber auch, dass sie ganz einfach zeugt “von der planen Unerträglichkeit des Lebens, der bewusst wahrgenommenen Zeit, des teuflischen Tickens der Sekunden, die uns einst fehlen werden, um den zum Weitermachen benötigten Atemzug zu nehmen”. Wirklich schockierend ist natürlich, dass dem Sohn – denn ein solcher ist RLvK ja als Träger des väterlichen Gebeins – nichts anderes übrigbleibt, als sich der tödlich-fernen Vater-Imago anzuverwandeln, seinerseits auf die Impulsfülle lebendiger Selbsterfahrung zu verzichten und “dem rauschhaften Im-Hier-und-Jetzt-Sein” zu entsagen, um mitspielen zu können um den Lorbeerkranz dessen, “der am wenigsten Ausdruck gezeigt hat am Ende des Tages”. Mit Fug und Recht nennt Daniel Wagner dieses “Gesellschaftsspiel” “die eigentliche Tragödie von DIE TÖDLICHE MACHT DER BILDER”.

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