Mütterlein
Mai 8th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
“Und dann tötete er, im Rausch, seinen Jugendfreund, Hephaistion, weil dieser ihn für seinen laxen Lebenswandel, für seine Megalomanie, für sein immer persischer werdendes Wesen kritisierte. Er nahm in einem Wutanfall eine Lanze und bohrte sie Hephaistion in den Bauch, und anschließend klagte er jämmerlich um den Verlust, den er erlitten hatte. Sein bester Freund, sein einziger menschlicher Besitz war ihm geraubt worden. Er vergrub sich in seinem Königszelt und raste und fastete tagelang. Er konnte sich nicht wieder beruhigen in seinem Kummer.”
“Aber ist das denn historisch verbürgt? Das klingt ziemlich nach Hollywood.”
Dr. Spielvogel zuckte die Achseln. “Wahrscheinlich war es in Wirklichkeit anders”, sagte er, “aber das war damals die Quellenlage, als ich studierte. Und ich fand, es sei überaus lohnend, diese Sache einmal vom psychoanalytischen Standpunkt aus zu beleuchten. Heute munkelt man natürlich, ob diese herrliche Freundschaft zwischen Hephaistion und Alexander dem Großen nicht ganz einfach eine homosexuelle Liaison gewesen sei. Das ist natürlich nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Ich meine, bei der Mutter, die er hatte.”
Bob lag mehr, als dass er gesessen hätte, in einem weich gepolsterten Stuhl, der in angenehmen, die Sinne besänftigenden Erdtönen gehalten war. Seine Beine befanden sich knapp unter Bauchhöhe, wie in einem Liegestuhl am Strand. Das ganze Büro des Betriebspsychologen hatte man umgestaltet und mit freundlichen, leuchtenden Farben ausgemalt, die hervorragend zu dem lebhaft pulsierenden jungen Frühlingstag in Berlin-Mitte passte. Am Anfang dieses Umgestaltungsprozesses hatte übrigens ein Missverständnis gestanden. Bert “Big” Bruder hatte den Psychologen nämlich rausschmeißen wollen, um an Stelle seines Büros einen Aufenthaltsraum für die Kinder der Mitarbeiter von n+2 einzurichten, eine firmeneigene Kindertagesstätte. Davon hatte er sich größere Konzentration bei all diesen jungen, dauerbesorgten Eltern erhofft, die seine Abteilungen bevölkerten. Dann aber hatten die Anfälle angefangen, während einer Fahrt auf der Autobahn, und der große Big hatte sich versuchsweise selbst in die Hände seines Psycho-Spezialisten begeben. Da war schon in den ersten Minuten so vieles zum Vorschein gekommen, dass Bert “Big” Bruder selbst von Entsetzen erfüllt wurde, während er sich so über seine Kindheit plappern hörte, und daraufhin hatte er beschlossen, die verdammten Kinder könnten auch zu Hause bleiben, denn seine Leute hätten immerhin einen Anspruch auf kompetente seelische Beratung.
“Das ist fast ein bisschen wie bei Georg und Ihnen, Bob”, sagte Dr. Spielvogel munter, und Bob fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen.
“Moment mal, Doc”, sagte er scharf, “unterstellen Sie da gerade Georg und mir, dass wir, also, Sie wollen uns da so eine Arschfickernummer unterjubeln?”
Dr. Spielvogel lachte.
“Ich wollte Sie nur ärgern, Bob!” rief er aus.
“Nun kriegen Sie sich mal wieder ein”, sagte ein rot angelaufener Bob nach einigen Minuten, während derer er seinen Psychologen ununterbrochen hatte kichern hören.
“Sorry”, Dr. Spielvogel nahm seine Brille ab und putzte sie, “aber das ist echt zu komisch. Sie hätten Ihr Gesicht sehen müssen, eben.”
“Ich hab halt auch eine schwierige Mutter gehabt”, grummelte Bob.
“Ach ja?”
“Keine einfache Dame. Sie war ebenso wenig zu echter Liebe fähig wie ich.”
“Sie gehen oft zu Prostituierten, oder?”
“Ausschließlich, Doc.” Bob nickte. “Das mit den normalen Mädchen hab ich aufgegeben. Das führt immer nur zu Herzschmerzen auf allen Seiten, und dann zertrümmere ich ein Telefon, oder ich bekomme so einen Auftragskiller auf den Hals gehetzt.”
“Einen Auftragskiller?”
Dr. Spielvogel wäre fast aus seinem face2buns gefallen.
“Ja, aber das erzähle ich Ihnen mal wann anders, Doc.” Bob winkte ab. “Das sind so die Sachen, die passieren, damit es vorangeht mit der Menschheit. Oder? Ich meine, so unterm evolutionsbiologischen Blickwinkel?”
“Wie meinen?”
“Schon gut.” Bob schmunzelte. “Wobei ich schon zugeben muss, ich hätte manchmal auch nicht übel Lust, Georg eine Lanze in den Wanst zu bohren.”
“Sie haben Nettie Moore aus dem Fenster gestoßen, reicht das nicht?”
Dr. Spielvogel war schlagartig wieder ernst geworden. Er blätterte in Bobs Akte. Er schaute sich die Fotos an. Furchtbar.
“Es war ein Unfall”, sagte Bob.
“Siebzehn Mal mit dem Locher auf ihren Schädel eingeschlagen? Ein Unfall?”
“Sie ist gestürzt.”
“Siebzehn Mal? Gegen den Locher? Und dann durchs Fenster? Sie können von Glück sagen, dass die wackere alte Nettie das überstanden hat!”
“Sie klingen”, sagte Bob aufgebracht, “wie die verdammte Polizei, Doc! Fällt Ihnen das nicht selber auf? Werden Sie nicht dafür bezahlt, dass Sie mir helfen?”
“Schon, ja.” Der Psychologe bekundete mit seinen Händen seine Hilflosigkeit. “Aber wenn Sie mir nur Lügen auftischen, Bob, dann kann ich nichts für Sie tun! Ich kann meine Arbeit nur machen, wenn Sie kooperieren. So ist das nun mal.”
“Ah, okay.” Bob lehnte sich zurück. “Aber wieso meinen Sie denn, meine Mutter habe etwas damit zu tun?”
“Nun.” Dr. Spielvogel faltete seine Hände und blickte ernst. “Bei Alexander dem Großen war es z. B. so, und diese Konstellation finden Sie bei sehr vielen erfolgreichen Menschen, die Großes leisten und an ihre Grenzen gehen, um sich einen Namen zu machen. Da ist eine krankhaft ehrgeizige, gefühlskalte Mutter, die in ihren Sprössling all die unausgelebten Ambitionen und Aspirationen ihres kleinen stacheligen Herzens pflanzt. Der Sohn, von unerwiderter Liebe fast um den Verstand gebracht, stürzt sich in die Welt wie in einen Abenteuerroman, errichtet Reiche, kauft Handelsgesellschaften, diniert mit Königen, lässt sich Flügel anpassen und schwebt über den Hellespont.”
“Aha?”
“Ja, und das alles nur, um ein Fünkchen echter, aufrichtiger Liebe zu erringen.”
“Was nicht gelingt?”
“Garantiert nicht. Das ist ja der Witz an der Sache. Wäre diese Liebe erringbar, die Welt wäre ein sichererer Ort.”
Bob nickte.
“Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen …”
“Irgendwann dann, wenn die Physis von unserem Hochleistungshelden diesem sinnlosen Treiben, das ihm keinen Augenblick echter Befriedigung verschafft, nicht länger standhält, bricht er zusammen. Er stirbt dann an Erschöpfung, an Verbitterung, an Trauer und Verzweiflung. Vielleicht auch an Malaria.”
“Und dafür”, fragte Bob, skeptisch sein Gesicht verziehend, “haben Sie wirklich einen Doktortitel bekommen? Für so einen Quatsch?”
“Aber ja”, sagte Dr. Spielvogel.