Das ist dein Leben
Mai 9th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
„Am Ende bleibt es doch wieder an uns hängen“, sagt der alte Geigger, der es wissen muss, weil er in seinem Leben schon so viele Projekte an die Wand gefahren hat. „Diese jungen Stümper, die kommen immer rein wie der Wirbelwind, werfen alles durcheinander, und wenn sie wieder weg sind, dann stehst du da mit einem vollgekackten Schreibtisch.“
Georg schaut auf, von seinem Mousse au chocolat. Georg schaut angewidert.
„Ich meine, im übertragenen Sinne, natürlich“, fügt Geigger deshalb schnell hinzu und bohrt sein Löffelchen in den flachen Puddinghügel in der Schale auf seinem Tablett. Tatsächlich hat Georgs Mousse eine reichlich unappetitliche Konsistenz. Wenigstens riecht sie nach nichts, außer ein paar Eimern Chemie. Ich habe auch eine gegessen, und begeistert hat sie mich nicht. Ich spüre, wie mein Magen nach und nach übersäuert. Ich hätte mich wie Geigger für den Vanillepudding entscheiden sollen. Nun, Morgen ist auch noch ein Tag, wie ein großes deutsches Sprichwort weiß.
Eine Weile betrachte ich die Palme, die irgendjemand mitten in der Kantine aufgestellt hat, entweder ein Sadist oder ein Komiker oder, natürlich ist auch das möglich in unserem Unternehmen, ein wirklich absolut hirnverbrannter Optimist, denn es handelt sich um eine Plastikpalme, an der sogar noch ein Preisschild hängt. Seit einiger Zeit schon geschehen seltsame Dinge bei n+2. Als ich heute früh zur Arbeit kam – um nur ein Beispiel zu nennen –, klebte an meinem Bildschirm ein Post-it. Darauf war in einer winzigen, kaum zu entziffernden Handschrift notiert worden: „In ihm bohrt etwas, Verzweiflung, vielleicht auch nur Sehnsucht. Aber wonach soll ein Seemann sich sehnen, einer, dem keiner ein Gran Verstand zutraut? Wo käme da Sehnsucht her? Das wäre doch etwas Außerirdisches, im wahrsten Sinne des Wortes die berühmte ‚außerirdische Intelligenz’?“
Die Handschrift war mir vollkommen unbekannt gewesen, und auch keiner der Kollegen in meiner Abteilung hatte damit etwas anfangen können. Mit größter Wahrscheinlichkeit handelte es sich um eine Männerhandschrift, in hartem Bleistift ausgeführt.
„Ich hab bei der Sache echt auch ein übles Gefühl“, sagt Bob Macha.
„Was? Wirklich? Wieso denn?“ frage ich, aus meiner Tagträumerei gerissen. Ich denke fälschlicherweise, er rede von meinem Erlebnis mit dem Post-it.
„Na, weil da zur Zeit wirklich einige ziemliche Pfeifen auf der Chefetage ein und aus gehen. Ich meine“, Bob Macha wedelt mit seinem Löffel herum, „so ein Filmprojekt, das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da geht’s um viel Geld. Da brauchst du echte Könner. Diese Heinis da oben aber sehen mir maximal nach Filmstudenten aus. Wenn die“, setzt Macha hinzu, die Schultern zuckend, „nicht noch was Schlimmeres sind.“
„Was gibt’s denn noch Schlimmeres als Filmstudenten?“ erkundigt sich Georg.
Wir lachen.
Ich sage: „Ehrlich, diese Post-it-Geschichte von heute Morgen. Das setzt mir schon zu.“
„Ach.“ Bob Macha macht eine wegwerfende Geste. „Vergiss es einfach, Mann. Das kommt vor. Was meinst du, was für eine Scheiße schon bei mir am Arbeitsplatz gehangen hat? Das ist nun mal eine verrückte welt hier. Weißt du noch, Geigger“, wendet er sich an den Älteren, der friedlich wie ein Maulesel seinen Pudding löffelt, „wie damals diese schrägen Morddrohungen bei mir eingingen?“
Geigger brummt, und seine Schultern werden von einem tief in seinem fetten Leib sitzenden Lachen bewegt.
„Die waren zum Teil erstaunlich kreativ, ja.“
„Ja“, sagt Georg und lacht, „einmal haben die dir doch echt eine Bombe geliefert! Mit UPS!“
„Eine Bombe?“ Ich hab plötzlich ein mulmiges Gefühl.
„Ach“, sagt Bob Macha, „hat nichts zu bedeuten. Das kommt vor. Ein unzufriedener Kunde. Der hatte Texte für ein Atomkraftwerk bei mir bestellt, und er war, na ja, nicht so 100-prozentig zufrieden mit meiner Arbeit.“
„Du hast ihn als ‚Strom-Magnat’ bezeichnet“, sagt Georg.
„Unsere Rechtsabteilung war ganz schön am Rotieren.“ Geigger ist endlich mit seinem Pudding fertig. Er schnauft. „Na ja, was soll’s. Die Welt dreht sich weiter. Nur diese Grünschnäbel machen mir Sorgen.“
„Weiß der Henker“, sagt Bob Macha, „was Big mit denen vor hat.“
„Big übertreibt es einfach mit dem Alkohol“, sagt Georg leise, vorsichtig um sich blickend. „Leute, sein Führungsstil, der ja immer schon ziemlich freihändig war, ist in letzter Zeit wirklich nur noch Amok. Anders kann man das nicht bezeichnen. Wenn ihr versteht, was ich meine.“
„Ich weiß genau, was du meinst.“ Geigger stößt auf. „Gestern hat er eine Beraterin die Treppe runtergestoßen. Mann, da war vielleicht was los!“
„Warum hat er denn das getan?“ Bob ist gleich Feuer und Flamme und zückt seinen billigen Bic-Stift, der mit einer merkwürdigen Mechanik versehen ist, über die man eine einzelne Schülerfüllerpatrone einlegt. Völliger Quatsch, aber Bob hat ein Faible für beknackte Schreibwerkzeuge. Die Farbe ist Lila. Das Utensil ist tatsächlich eine Ungeheuerlichkeit in unserer Montblanc-Schreibgeräte-Welt. „Das muss ich mir aufschreiben“, sagt er gierig.
„Du musst dir das nicht aufschreiben“, sagt Georg wütend. „Warum musst du dir das aufschreiben? Du lässt den Zettel nur wieder irgendwo rumliegen, am besten noch auf dem Klo, und dann hast du wieder Ärger am Hals.“
„Ich bin son Typ“, sagt Bob und legt den Kopf schräg, „der braucht ab und an eine ordentliche Portion Ärger.“
„Das kenn ich“, sage ich. „Sonst funktioniert die kreative Mechanik nicht.“
Geigger schnauft. „Kreative Mechanik“, wiederholt er spöttisch.
„Nein, er hat schon Recht“, sagt Bob. „Der Bursche ist nicht verkehrt!“
Georg mustert mich mit einem nachdenklichen Blick. „Das wird sich herausstellen“, sagt er.
Wir fahren mit dem Aufzug in den 16. Stock hoch, und als ich an meinen Schreibtisch komme, pappt da schon wieder so ein gelber Zettel. Ich zupfe ihn ab, um ihn im Licht am Fenster zu entziffern. Ich lese:
„Haben Sie meinen Romananfang bekommen? Wie fanden Sie ihn? Warum geben Sie mir kein Feedback? Was denken Sie eigentlich, was Sie hier tun, Sie Arschloch? Einen Rat hab ich an Sie: Überschätzen Sie nicht die Krisenfestigkeit Ihres Arbeitsplatzes.“
Ich pfeife vor mich hin. Der Ton wird ja immer schärfer!, denke ich. Mir sieht das mittlerweile verdammt nach Mobbing aus.
„Sag mal, Susi“, wende ich mich an meine Bürogenossin, die halblaut vor sich hinflucht, weil ihr einfach kein witziger Claim für eine Nobelschuhfirma einfällt, die sich im Outdoor-Segment, versuchen wollen, Stichwort: Gummistiefel. „Wenn ich dich fragen darf. Hast du mitbekommen, wer mir diesen Zettel an den Bildschirm geklebt hat?“
„Was?“ Sie runzelt genervt die Stirn. „Redest du mit mir?“
„Äh, nein“, sage ich schnell. „Ich hab nur …“
„Der Chef war vorhin da“, sagt sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
„Der Chef? Bob Macha, oder …“
„Bob Macha?“ Susi lacht. Jetzt sieht sie mich an, durch ihre rot gerahmte Brille. Sie sieht mich an, als wäre ich das blödeste Geschenk, das ihr Ex-Gatte ihr je gemacht hat. Seit Jahren schon steckt sie nämlich in einem Scheidungskrieg mit einem unglaublich unsympathischen Mann, der ihre Schwester bumst. „Soll das ein Witz sein?“ fragt sie. „Bob Macha ist doch der Chef von niemandem. Noch nicht mal von sich selbst.“
„Okay.“ Ich kratze mich im Nacken. „Wer denn dann? Wen meinst du? Wer war da?“
„Na“, sagt Susi und zuckt die Achseln, „Big, natürlich.“
„Was? Bert Big Bruder?“
„Na ja, klar.“