Die Message, Mann, das ist das Medium
Mai 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
“Hey, sorry, aber gähn”, sagte Hubert Winzling, dessen Internet-Agentur nach seiner Aussage “gerade abging wie Luzie”, “das hab ich nun wirklich oft genug gehört, diesen alten Medien-Guru-Kalauer. Leg doch mal ne neue Platte auf.”
“CD ein”, fügte Malte Lärmling, ein begeisterter Modernisierungswitzbold, hinzu.
“Klar müssen wir die neuen Medien nutzen”, fasste Regler die Diskussion der letzten fünf Stunden zusammen – ein ganzer Vormittag war tatsächlich über Newsletter-Optimierungs-Geschnatter und Intranet-Mantras vergangen -, “aber die entscheidende Frage lautet: Wie tun wir das optimal?”
Ersmann machte eine düstere Miene und nickte.
“Das ist tatsächlich die entscheidende Frage, ja”, stimmte er zu.
Regler, Tobias Regler, CEO von “Water.Proof”, war der Veranstalter des Meetings, und er musste schon sagen, dass alles ziemlich hohl war heute. Irgendwie fehlte der Biss, es kam keine Vision zustande. Okay, dachte er. Man hatte es halt nicht immer in der Hand. Mit diesen trüben Tassen war nun mal kein Staat zu machen. Jetzt musste man das Mittagessen überstehen und sich danach in den Nachmittag fallen lassen.
“Wie reduzieren wir Reibungsverluste, das ist die Frage”, tönte Winzling und streute Kugelschreiber mit dem Logo seiner Internet-Agentur auf dem Konferenztisch aus.
Malte Lärmling, der sich ein wenig ärgerte, ausgerechnet neben Winzling gesetzt worden zu sein, als wollte man aus ihnen ein Shakespeare’sches Narren-Paar machen, musterte seinen Konkurrenten und Geschäftspartner, während dieser seine 52-Cent-Kugelschreiber austeilte. Er überlegte, ob das tatsächlich ein H&M-Anzug sein konnte, den Winzling da trug. War das dessen Ernst? Traute man sich auf ein Marketing-Seminar, das unter dem – zugegebenermaßen etwas bekloppten – Titel “Kungfu und Kassensturz” nach den “Bedingungen geschäftlichen Erfolgs in Zeiten der globalen Krise” fragte, wenn man einen H&M-Billig-Anzug anhatte? Er selbst, und das denkend, zupfte er sein Revers in Form, er selbst ließ maßschneidern – bei einem Schwager, zugegeben, zu einmaligen Konditionen – dafür betreute er die Website des Schneiders. Aber immerhin: maßgeschneidert! Angeblich war es edler Zwirn, den er trug. Er kannte sich da leider nicht aus; er hatte es nicht so mit der Welt der Dinge. Für ihn zerfloss alles sofort in ein Konzept, das er, mit wenigen Strichen seines Kugelschreibers (Lamy, Leute!), flugs in eine Power-Point-Präsentation verwandelte. Er grinste. So machte man aus Scheiße Gold!
Auch Ersmann, eine hochgewachsene Erscheinung mit schmalen Wangen und strengem Mund, der definitiv zu viel Zeit in seiner Sonnenbank verbrachte, musterte Winzling genau. Dieser Name, dachte er. Hubert Winzling. Der Bursche musste ja komplett bescheuert sein, dass er sich nicht sofort einen Künstlernamen zugelegt hatte! Er, Ersmann, hatte sich ja auch von Müller hochoptimiert. Erst hatte er sich “Erstmann” nennen wollen, wegen des Leader-Anspruchs, der in diesem Namen zum Ausdruck kam, doch dann hatte ein Freund, Inhaber einer Image-Beratungs-Agentur, der auf “names & claims” spezialisiert war, ihn darüber aufgeklärt, dass die “unterbewusste Wirkung von Ersmann” laut einem Algorithmus, den die Image-Agentur exklusiv von einem Cambridger Mathematiker hatte entwickeln lassen, “etwa acht Mal so hoch” sei wie diejenige von “Erstmann”: “Denn das Unterbewusstsein des Kunden ergänzt automatisch das T an der richtigen Stelle. So entwickelt sich ohne Ihr Zutun eine hochgradige Namens-Faszination, die noch verstärkt wird durch die unterschwellige – und darum desto wirksamere – Zufriedenheit Ihres Kunden, das Rästel Ihres Namens auf eigene Faust gelöst zu haben. Wie ein warmer Strom fließt das Kundenvertrauen Ihnen durch den Namen ‘Ersmann’ zu.”
“Ach. Wirklich? Ersmann ist besser als Erstmann? Das ist ja, also, interessant.” Ersmann war fast die Gabel aus der Hand gefallen, als er beim Business-Lunch bei einem Inder (mit Nachtisch und Heißgetränk nur 8,- Euro) durch den Schwarzweiß-Ausdruck der entsprechenden Präsentation geblättert hatte. Konrad Pfirz hieß sein Freund, der Image-Berater, und im Stillen wunderte sich Ersmann schon, warum Konrad Pfirz sich im Ernst als “Konrad Pfirz” ansprechen ließ. Das war doch ein beschissener Name, oder nicht? Pfirz?
“Schon”, erklärte Konrad Pfirz einem gemeinsamen Bekannten, Holger von Weimloch, beim fünften Glas Wein im “Chez Chef”, dem Parvenu- und Speichellecker-Lokal. “Pfirz, das klingt beschissen.” Konrad Pfirz faltete seine Serviette sehr ordentlich wieder zusammen und legte sie neben seinen rechten Arm. “Oft ist es ja so”, dozierte er dabei, “dass die Dinge, die die Natur hervorbringt, auf direktem Wege zum Aussterben berechtigen, und ganz fraglos ist das auch bei ‘Pfirz’ der Fall. Nur.” Und jetzt setzte Konrad Pfirz, der wirklich mit allen Wassern gewaschen war, Holger von Weimloch auseinander, dass genau dieser unmögliche Name einem “name & claim”-Berater das Überleben sicherte. “Denn was denkt das Unterbewusstsein des Kunden, wenn es mit so einem Namen Kontakt hat? Es denkt: Mensch, wenn einer so einen Scheißnamen hat, so einen wirklich riesendämlichen Furz von einem Namen, was muss der dann auf dem Kasten haben, um sich trotzdem in der Branche behaupten zu können?”
“So denkt ein Unterbewusstsein?” fragte Holger von Weimloch misstrauisch.
“Wenn ich’s dir doch sage”, erklärte Konrad Pfirz. “Das sind alles Algorithmen.”