“Was? NEIN!”
Mai 13th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Er checkte kurz die E-Mails von Bob Macha, ohne große Aufmerksamkeit, denn schon seit Jahren hatte Macha Ruhe gegeben, war ein anständiger, mäßig arbeitsamer Angestellter geworden. Seine Zeiten der Privatrebellion waren vorbei. Das war geschickt, mit kühler, kluger Hand von ganz oben geregelt worden. Man hatte ihm einfach einen Job auf der Entscheiderebene von n+2 verschafft und ihm ein eigenes Gefühl inklusive Sekretärin zugeschanzt, und das Gefühl plötzlicher Wichtigkeit hatte jeden revolutionären Impuls in Bob Macha erstickt. Natürlich, auf Kneipengesprächsebene blieb er auch weiterhin ein Feind des Systems; in der Alltagspraxis jedoch deckte er es. Er partizipierte daran, profitierte davon. Er war ein Parasit geworden wie alle anderen auch, und darum hatte er seinen Plan, ein kritisches Magazin ins Leben zu rufen, das die unmerkliche Gleichschaltung der Geister durch die Wiederholung der immergleichen medialen Formen anprangerte, fallen gelassen. Der Fall war heimlich, still und leise erfolgt. Niemand hatte davon erfahren. Offiziell ruhte der Plan nur, in diesem Sinne ließ sich Bob Macha wiederholt vernehmen, das stand in den Akten. Er wolle das Heft immer noch machen, weil er das Gefühl habe, so sagte er, nur auf die Welt geschickt worden zu sein, um den BLOGOZENTRIKER herauszugeben. Solche Proklamationen hatten eine ausnehmend beruhigende Wirkung auf die verantwortlichen Stellen, denn es zeigte sich immer wieder, dass diejenigen, die am lautesten von Veränderung sprachen, dabei insgeheim nur ihren eigenen Vorteil im Auge hatten und gar nichts tun würden, das ihre Stellung in der Gesellschaft aufs Spiel setzen konnte. Gefährlich waren nur die, denen man nicht ansah, dass in ihrem Herzen Umsturzpläne reiften. Die wirklichen Erniedrigten und Beleidigten. Die gingen dann tatsächlich eines Tages los und schütteten einem Minister Säure ins Gesicht oder schrieben systemfeindliche Flugblätter. Wie auch immer, Bob Machas Überwacher konnte die Füße hochlegen. Macha war viel zu tief ins System verstrickt, um wirklich einen Angriff zu starten. Und darum pfiff der Überwacher auch leise vor sich hin, während er, wie jeden Abend, die E-Mails seines Objekts checkte. Dann aber riss es ihn geradezu heraus aus seiner Zufriedenheitstrance.