Kunstverdacht

Mai 15th, 2009 § 6 Kommentare

Wahrscheinlich wird viel zu viel Wirbel um diese Sache, die Kunst, gemacht. Das hat einfach damit zu tun, dass alles andere so unglaublich und deprimierend vorhersehbar ist. Man kann inzwischen ja sogar das Wetter vorhersagen (auch wenn die menschlichen Wetterfrösche meist daneben tippen). Auch ich weiß, wenn ich morgens aufstehe, genau, was der Tag bringen wird. Ich erwarte mir wirklich nicht viel, was paradox erscheinen mag, wenn man den Sturm bedenkt, der rund um die Uhr durch die Nachrichtenredaktionen fegt. Es ist ja jede Menge los in der Welt, was man als Fakten, Fakten, Fakten in die Tüte stopfen kann, aber mir kommt es alles vor wie ein hyperaktiver Stillstand, wie ein ewiges Im-Kreise-Rennen.

Nur wenn ich diese blöden Texte für dieses blöde Internetportal, den Blogozentriker, schreibe, habe ich ab und an das Gefühl, jetzt könnte gleich … und dann passiert aber doch in der Regel wieder nur das Übliche. In den allermeisten Fällen ist das ein Job wie jeder andere. Okay, ich versuche halt, mich ins Leben zu schreiben, mich lebendig zu schreiben – wow, wie aufregend, was für ein tolles Experiment! – Ach, Quatsch! Es ist einfach eine Wichserei, das ist alles, und das ist tatsächlich betrüblich. Ob ich mir ordentlich einen einschenke beim oder vorm Schreiben, Wein und Bier verspritze, oder ob ich die Sache olympisch nüchtern angehe – eigentlich läuft nicht viel. Es ist ja alles ganz okay, und von einem gewissen Standpunkt aus macht’s mir auch Spaß.

Aber was frustrierend ist an diesem Bloggen, ist der Geschmack bedingungsloser, aufreizender Selbstreferentialität. Ich hol mir da beim Schreiben einen runter, und dann hobel ich mir noch einmal einen ab, wenn ich später alles noch mal überfliege. Und einen absoluten Orgasmus bekomme ich, wenn jemand sich die Mühe macht, einen Kommentar zu texten. Aber die Vorstellung, dass dieses Zeug jemanden wirklich interessieren könnte, dass es jemandem einen Anstoß gibt oder einen Hinweis, einen Wink oder einen Stromschlag, einen Impuls oder einen Kick – im Grunde fehlt mir der Glaube, dass an dieser Vorstellung mehr dran sein könnte als an einer Fata Morgana.

Ich weiß noch, wie mich damals die Prosa Raymond Chandlers nicht nur elektrisiert, sondern auch wirklich existentiell unterstützt hat, wie später die Songs von Bob Dylan, und ganz wichtig waren Orson-Welles-Zitate aus einer Heyne-Biographie. Das war für mich das Leben, das wirkliche Leben, das war die Kunst. Und ob meine Texte zu diesem wirklichen Leben, diesem potenzierten Leben, dem Leben zweiter Ordnung oder lebensrettenden Leben beitragen können, das ist nun mal die entscheidende Frage, nach meinem Geschmack. Alles andere, vom Papstbesuch bis zur Trainerentlassung, ist bei “Spiegel-Online” ja hervorragend aufgehoben.

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§ 6 Antworten auf Kunstverdacht

  • Vau sagt:

    Also mich interessierts.

  • Blogozentriker sagt:

    Na, Vau, Sie sind ja auch ein netter Kerl, offenbar. Aber wie viele sind das? Und wie viele werden am 16. Mai immer ein Jahr älter? Bob Dylan z. B. und Rainald Goetz und Boris Geier haben sich den 24. Mai ausgesucht. Eine gute Wahl, vielleicht?

  • manchmal habe ich auch den eindruck, daß fast alles schon gesagt/geschrieben ist. und der kampf um die eleganteren formulierungen das einzige ist, weshalb gebloggt wird. die (schreib)kunst zu revolutionieren, so wie das einst marcel duchamp in der bildenden kunst gelang, das wäre eine wirkliche lebensaufgabe, für die ich meinen broterwerb aufgeben müßte. und ob es tatsächlich so rezipiert würde, bleibt eine offene frage. aber ohne das schreiben hätte ich das gefühl, mein hirn nähere sich der konsistenz von gänseschmalz an. anerkennung ist nicht alles im leben, aber ein schönes beiwerk. viele gute beiträge wünscht sich VEB wortfeile als leser! keine linklisten und gedankenwiederkäuerei – das kann ich nur befürworten.

  • willyam sagt:

    Ist Selbstreferentialität nicht inzwischen Selbstbehauptung, ausgelebter Narzissmus Andeutung eines gesunden Egos? Ist der Allgemeinplatz, dass Individualismus Kommunikationszwang provoziert, tatsächlich gültig? Es wird doch jedem an jeder Ecke verkauft: Erst wer kommuniziert, ist. Und da man auch noch in einer “Informationsgesellschaft” lebt, qualifizert das quasi frei Haus dazu, sich zu allem zu äußern. Information = Kenntnis. Ergo: Wer sich nicht äußert, hat keine Meinung. Ein Unding!

    [Immerhin bloggst Du noch und bist noch nicht dazu übergegangen, zu twittern. ;-) ]

  • blogozentriker sagt:

    Es gibt, lieber Willyam, natürlich einen massiven Unterschied zwischen einem gesunden Ego und einem dicken. Das eine kommt mit seinem Leben klar, das andere hat Gewichtsprobleme und Schlafstörungen. Dass Selbstreferentialität die letzte Zuflucht in einer Welt umfassender Manipulation und auf der Oberfläche einer Informations-Sintflut ist, für die unser Nervensystem einfach noch keine Arche Noahs geschaffen hat, mag sein – aber ich find’s trotzdem bedrückend. Wenn alle nur noch sich selbst vertrauen können, war’s das wohl mit dem Experiment Demokratie, oder? Ich meine, wie viele Leute kennst Du denn, denen Du ernsthaft raten würdest, sich selbst zu vertrauen? Unter der Hand wissen wir ja alle, dass die besten Zeiten dieser auf Massenlangmut basierenden, plutoligarchischen Herrschaftsform vorbei sind. Warum sonst hoffen alle, dass Barack Obama ein gütiger Tyrann sein möge, ein Philosoph, der es auf den Königsthron geschafft hat? Wenn doch angeblich WIR es sind, Du und ich und Vau, die in dieser Welt den Ton angeben per Stimmzettel?

  • willyam sagt:

    Unterschlagen wir da nicht das entfremdete Ego, über das wir doch eigentlich sprechen: [W]ie viele Leute kennst Du denn, denen Du ernsthaft raten würdest, sich selbst zu vertrauen? Ebend. Je weniger Vertrauen ich in große Rahmen investieren kann, desto eher falle ich auf mich selbst zurück – dem ich wiederum aber auch nicht mehr ganz traue. Um daher auszuloten, wie weit ich gehen kann, besser vielleicht: gehen muss, um trauen zu können, muss ich ‘referenzieren’. Das ist eine vereinnahmende Arbeit, die einfach alle Voraussetzungen sprengt, die eine Selbstbestimmung auf erweiterter gemeinschaftlicher Basis eigentlich bräuchte. Nicht nur demokratischer, sondern fast jeglicher sozialer Zusammenhalt wird damit schwierig; es sei denn, es ergeben sich Konstellationen, durch die man Differenzen kurzzeitig ausblendet, um sich einer Sache zu widmen (die vermutlich keine Sache Vieler, sondern vieler Einzelner sein wird). Gemeinschaft wird damit zum Flashmob-Phänomen.

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