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Mai 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Das Tolle an facebook ist, dass ich ganz viele Leute an meinem Leben teilhaben lassen kann. Noch toller, wie ich finde: Mein Leben besteht immer mehr aus der Teilhabe all dieser Leute an meinem Leben! Ich bin, im Grunde, viele, wahnsinnig viele, eine multiple Persönlichkeit im allerbesten, ökumenischen Sinne. D. h. mir geht auch der Stoff nicht aus. Ich hab immer was zu berichten, und ich hab immer jemanden, der mir zuhört. Ich bin nicht nur nie mehr allein – ich muss es auch nie wieder sein. Bis die Stadtwerke mir den Strom abdrehen, okay, oder Freenet drängt noch einmal entschieden auf endgültige Zahlung meiner Flatrate-Rechnungen, oder ich hab einen Krampf in den Fingern. Solange ich aber in der Lage bin, die paar Euro zusammenzukratzen, die zum Betrieb meines Notebooks notwendig sind, geht’s weiter. Ich hab immer was zu schreiben, denn bei mir passiert dauernd was. Entweder die Dusche ist kaputt, oder mir kocht die Milch für die Katze über, oder die Oma stirbt. Oder die Katze stirbt. Das Leben kennt ja keinen Stillstand. Und wenn doch mal, wenn bei mir partout mal ein paar Tage nichts los ist – kein Kinobesuch, keine Party, kein Bummel durch den Stadtpark -, dann kann ich zur Not immer noch auf die Fotos von Freunden und Bekannten, etwa von ehemaligen Arbeits-Kollegen zurückgreifen, auf denen man sieht, wie wir gemeinsam in die Kamera smilen.
Diese Bilder kopiere ich dann, und dann versehe ich sie mit einem kurzen Kommentar, etwa: “;-)”, oder: “Those Were The Days, My Friends!” Darauf gibt’s dann auch immer irgendwelche geilen, superlustigen Reaktionen. Das gibt’s eigentlich nicht, dass nicht einer von meinen über 300 Kontakten einen Kommentar schreibt, wenn ich ein Foto einstelle. Ich meine, die sind ja auch alle auf MEINE Kommentare angewiesen! Solche Fotos entstehen ja rund um die Uhr in unabsehbarer Zahl, seit es der japanischen Exportwirtschaft gelungen ist, jedes Handy mit einer Hightech-Kamera auszustatten, die vielleicht nicht Profi-Maßstäben, auf jeden Fall aber facebook-Maßstäben gerecht wird. Denn so genau will man die Gesichter, die in diesem E-Buch versammelt werden, ja auch nicht betrachten! Um Schärfe geht’s hier ja gar nicht. Es geht ja doch eher darum, dabei zu sein, als darum, Position zu beziehen, ein Zeichen zu setzen, Farbe zu bekennen. Man macht bei facebook gute Miene zum bösen Spiel, man zeigt sich von seiner angenehmen Seite, wie in einem Bewerbungsgespräch. Sie merken, dass ich die Sache durchaus kritisch sehe – ich bin ja nicht blöd. Ich könnte da auch ein paar zeitdiagnostische Pessimismen loslassen, ich hab ja immerhin einen Magister in Kulturwissenschaft gemacht, genauer gesagt: in interkulturellem Kulturvergleich, Interkulturalkomparatistik hieß das Fach dann, am Ende meines Studiums, genau. Ich könnte hier auch Sachen texten wie: “facebook ist ein einziges großes Sozialnormierungsgerät, eine freiwillig durchgeführte Dauerhirnwäsche.” Aber wozu? Als marketing tool für den Blogozentriker ist facebook absolut unersetzlich, echt ideal. Ich meine, wir reden hier von click rates, und damit spaßt man nicht! Ich brauche traffic auf meinem Blog, nur so kann ich hoffen, irgendwann mit diesem Projekt in die Gewinnzone vorzustoßen. Bislang läuft das noch schleppend. Kein Verlag interessiert sich für eines der über 50 literarischen Projekte, die man hier aufrufen kann. Keine Zeitungsredaktion ist an mich herangetreten mit dem Vorschlag, ihnen meine messerscharfen, blitzartig erhellenden Kolumnen für, sagen wir, 50 Euro pro Stück zu überlassen.
Aber ich habe Zeit, und ich glaube an mich. Und solange E.ON die Strompreise nicht noch höher schraubt und meine Finger mitspielen und der Alltag mich mit diesen lächeln machenden kleinen Geschichten versorgt, etwa wenn ich beim Treppeputzen ausrutsche und mir ein paar Rippen prelle, oder wie ich ein ganzes Glas griechischen Likörwein über mein Handy geschüttet habe, im Vollrausch, oder wie mir beim Baden der Laptop fast im Seifenschaum verreckt wäre. Aus solchen Anekdoten ist mein Leben gewebt, kein sensationelles, aber krisenfestes Material, und aus diesem gedenke ich noch etwas ganz Großes zu machen. Einen Roman, beispielsweise, oder einen Novellenzyklus. Oder ein fiktionales Tagebuch.