Flashmob

Mai 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“So was, nee”, grimmig schüttelte Don Alonso den Kopf, “das gibt’s nicht.”
“Wieso?”
“Davon hab ich überhaupt noch nie gehört.”
Bob Macha ließ sich sehr geduldig in dem Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs aus Walnussholz nieder, vom Fenster zurückkehrend. Unten hatte er gesehen, wie Georg eine offenbar ziemlich durcheinander geratene Nettie Moore über den Firmenparkplatz von n+2 führte, hinüber zur Straße, wo ein Rettungswagen wartete. Bert “Big” Bruder hatte per Ukas untersagt, dass medizinisches Personal sich je im Turm der Agentur aufhielt. Mit der einen entscheidenden Ausnahme von Dr. Spielvogel natürlich, der ja aber, wie aufmerksame Leser wissen, kein Mediziner war – sondern ein promovierter Altphilologe. Übrigens nahm “Big” Bruder die Dienste Spielvogels seit geraumer Zeit exklusiv und beinahe rund um die Uhr in Anspruch, um von unerklärlichen Schwindelgefühlen und Absturzängsten befreit zu werden, und deswegen saß als sein Stellvertreter jetzt auch Don Alonso im Headquarter, dem obersten, 105., Stockwerk von n+2, und blätterte durch Bob Machas Textvorschlag.

Sind Sie jetzt halbwegs im Bilde?

“Aber wenn Sie davon noch nie etwas gehört haben, Don Alonso”, sagte Bob Macha, mit einem Zahnstocher nach Überbleibseln seines Mittagessens forschend, “bedeutet das dann wirklich automatisch, dass es so etwas nicht geben kann?”
Don Alonso warf das Paper von sich, weit auf den Schreibtisch, ein paar engbedruckte, aneinander getackerte DIN A 4-Seiten.
“Fiktionaler Essay”, grummelte er. “Was soll der Scheiß?”
“Eine deftige Polemik wäre Ihnen lieber?”
Don Alonso nickte heftig. Er hatte das groblinige, griesgrämige Gesicht eines alt gewordenen Idioten, der zwar eine hohe Position, aber weder Würde noch Intelligenz besaß. Der einzige Mensch, der je an ihn geglaubt hatte, war Bert “Big” Bruder. Der Grund war, dass Don Alonso sich während der Zeit des renegatischen Abfalls Attila Bergs absolut nibelungentreu an die Seite Bruders gestellt hatte. Nicht einmal die Aussicht auf die kalifornische Dependence von n+2 hatte Don Alonso damals in Attila Bergs Richtung wanken lassen – was zum Teil natürlich auch daran lag, dass Don Alonso schlicht die Phantasie fehlte, um sich auszumalen, was das bedeutete, ein Büro, an dessen Terrasse der Pazifik klatschte.
“Was du da schreibst”, sagte Don Alonso, “über dieses …” Er zog die Blätter wieder an sich heran. “Von diesen Popforschern, die über das ‘dunkle, abgründige Herz Amerikas’ schreiben, ‘von einer verdrängten, verheimlichten Urgeschichte voll von Blut und Schmerz und Aufruhr’. Da kann man ja was draus machen.”
“Das mach ich doch auch”, sagte Bob mit einem hintersinnigen Lächeln.
“Ja, aber bitte keinen ‘fiktionalen Essay’, was immer das sein soll.”
“Mir fiel halt auf”, sagte Bob Macha, nach wie vor bestens aufgelegt, “dass im selben Maße, wie die Amis sich unheimlicher werden und Bereitschaft zeigen, sich den weniger glanzvollen und strahlkräftigen Aspekten der Geschichte ihres Landes zu stellen, die Deutschen dazu übergehen, sich als harmlos, arglos, ahnungslos und geschichtslos zu porträtieren.”
“Hm.” Don Alonso machte niemals mehr Bewegungen, als unbedingt erforderlich, aber jetzt juckte ihn offenbar etwas oben auf seiner Glatze. “Du spielst an auf diese Fußball-WM-Euphorie 2006?”
“Da fing’s an, ja”, nickte Bob. “Wir adaptieren jene Commonsensehaftigkeit, die ursprünglich Erbstück angelsächsischen Geistes und verantwortlich dafür ist, dass vieles Britische so leicht und vieles Amerikanische so gnadenlos oberflächlich erscheint, reklamieren diese Ratio-Gläubigkeit für uns, zumindest in unserer durch und durch verlogenen Außendarstellung, die so tut, als wäre diese Nation 1945 urplötzlich aus dem Nichts geboren worden!”
Don Alonso warf sich einen Bonbon in den Rachen.
“Wie treten wir denn auf in den Medien?” insistierte Bob Macha. “Locker, selbstironisch, auf eine kerngesunde Art und Weise selbstbewusst, freundlich, weltoffen.”
“Na und?”
Don Alonso blinzelte misstrauisch. “Ich sehe immer noch nicht so ganz, wo der springende Punkt ist? Ist doch alles scheißegal?”
“Ich sag dir eins.” Bob Macha glitt vor an die Kante seines Stuhles, um seinen Worten noch mehr Eindringlichkeit verleihen zu können, dem öligen Grantler noch näher zu sein. “Wenn ich Franzose wäre, mir ginge der Arsch auf Grundeis! Wenn die Deutschen so sind – dann führen die doch was im Schilde?”
“Quatsch!” Don Alonso winkte ab. Kurzzeitig zeigte sich auf seiner Miene sogar so etwas wie Amüsement. “Womit sollen wir das Ausland denn bedrohen? Mit unserer Fußballnationalmannschaft? Oder mit der Polizei? Eine Armee haben wir ja nicht mehr, nur noch diese Wehrdiensttrottel.”
“Ich frage mich nur”, sagte Bob Macha. “Wo ist der hässliche Deutsche? Der eiserne Ritter? Der Mann vom Bismarck-Denkmal? Allerorten sehe ich nur noch Müesli-Fresser und Badelatschenträger. Und das macht mich stutzig.”
Don Alonso zupfte sich am Ohr.
“Hm. Kann ja sein. Vielleicht ist was dran an dem, was du sagst. Vielleicht bereiten die Deutschen tatsächlich wieder was vor. Und ich kann ja auch verstehen, dass du auf die Amis sauer bist, dass die sich dicke machen mit ihren paar toten Indianern. Ich meine, wer hat denn hier die Leichen im Keller? Zwei Weltkriege haben wir vom Zaun gebrochen, von den ganzen anderen Schweinereien ganz zu schweigen. Aber musst du das unbedingt in Form eines ‘fiktionalen Essays’ verarbeiten? So was gibt’s nicht. Das können wir nicht drucken.”
“Ja …” Bob Macha schien in Nachdenken versunken. “Mal was ganz anderes”, sagte er dann. “Die Nettie Moore, die arbeitet sich noch tot.”

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