No Nlinearität
Mai 25th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Das Harte am Schreiben, meine Damen und Herren, ist ja nicht das Schreiben. Das Schreiben ist, um einen Vergleich aus der Welt der Tiere zu entlehnen, wie die Arbeit des Begattens. Was immer man davon halten mag – die Natur belohnt uns für unsere Mühen um die Arterhaltung, so oder so. Ich weiß nicht, was der Bonobo empfindet, wenn er sein Weibchen ruckartig bestiegen hat. Ich weiß auch nicht, was Sie empfinden, wenn Sie sich von Ihrem Weibchen herabrollen. Aber ganz offenbar, das sage ich als Blogozentriker, ist da ein Belohnungssystem im Gange.
Und so auch beim Schreiben. Allein die Betrachtung des – verzeihen Sie mir den wirklich haarsträubend dämlichen Vergleich! – alphabetischen Ejakulats bringt dem Verfasser eine gewisse Befriedigung. Mag sein, denkt man, auf sein Geschriebenes blickend, das ist alles Stuss – gleichwohl hab ich ganz schön einen rausgespritzt, mein lieber Mann! Echt richtig schön schwarzes Zeug! — Dann aber klopft der Lektor an, oder, besser gesagt: Er klingelt drei Mal. Wenn der Lektor drei Mal klingelt, dann geht die harte Phase des kreativen Prozesses los – das Wegschmeißen, Durchstreichen, Umschichten. Dann muss das Buch nicht geträumt, es muss GEMACHT werden. Dem Dichter sagt man, er solle bitte mal Kaffee trinken gehen, und der Editor wird durch die Hintertür eingelasen. Der Editor hängt seinen Mantel an den dafür vorgesehenen Haken, öffnet seine Arbeitsmappe, entnimmt dieser das vorschriftsmäßige Werkzeug, also Schere, Klebstoff und einen fetten schwarzen Edding. Dann blickt er auf, und ganz fest und ruhig fragt er: “Okay. Wo ist das Ding?”
Und genau in dieser Phase befindet sich im Augenblick der Blogozentriker. Sein Roman “Nackte Seelen” wird zwar von niemandem erwartet, wurde jedoch vertraglich vereinbart, und darum muss er jetzt auch gemacht werden. D. h. dass eine Flut von nonsensuellen Kurzgeschichten gebändigt, zurechtgestutzt, zum Strauß gebunden werden muss, dass, was ursprünglich mit – glaubte ich – gutem Grund sehr locker arrangiert war, jetzt festzuzurren und in klare Form zu bringen ist. Denn die Lektorin, die man mir zuwies, ließ sich auf meine poetologischen Träumereien vom notwendig verfremdeten Schauspieler-Ich des postmodernen Flatrate-Höhlenbewohners nicht ein. Ich dachte: “Heute ist doch sowieso niemand mehr jemand! Warum also fixe Lebensläufe konstruieren, Schicksale hineinkratzen in den Granit der Zeit, mitspielen beim großen Zusammenhängeerfinden?”
Was ich nicht bedachte, ist, dass die Leute da draußen – vielleicht aus genau dem Grunde, dass sie Zusammenhalt in den alltäglichen Außenabläufen wie im inneren Geschehen schmerzlich vermissen – keine Lust haben, sich Fragmente zuzumuten. Fragmente, ich merkte es neulich bei einer Figurentheaterproduktion an den Reaktionen des Publikums, zu dem auch ich gehörte, so unterhaltsam sie für sich auch sein mögen, ermüden, wo sie gehäuft uns über den Kopf geschüttet werden. Wie schon der alte Aristoteles sagte: “Was ist der Plot (mythos), Baby? Welche Story erzählst du uns?” Man muss also anders erzählen, direkter, weniger nonlinear.
Der Editor stößt einen leichten Pfiff aus, als er sich über meine Textmassen beugt. Er sagt: “Na, da muss die Hälfte weg, schätze ich, oder?”