Traditionell nimmt der Blogozentriker sich all jener Themen an, für die in den offiziellen, von der Werbung subventionierten Publikationen („Spiegel-Online“) kein Platz ist. Heute z. B. soll es um die Frage gehen, wie es bestellt sei um die Dialektik von Realität und Fiktion in einem Werk der Literatur, das im Spannungsverhältnis der gegenwärtigen Tatsachen der Welt, das der Volksmund als „Wirklichkeit“ bezeichnet, bestehen will, und zwar zu Recht bestehen. Ausklammern möchte ich die Frage – die sich natürlich mit Macht aufdrängt -, warum denn jemand ein Interesse daran habe könnte, dass etwas „zu Recht“ bestehe. Wenn etwas besteht, so ja die Maxime des Zeitgeists, dann besteht es, weil es gekauft wird, und was wollen Sie noch mehr? Doch sehr viele Sachen werden im Augenblick gekauft, die ich nicht ohne Randnotizen als Sachen, wie viel weniger als Literatur gelten ließe, z. B. „Supervotze“, oder wie dieses Buch heißt, oder „Donnervotze“ — nein, „Bittervotze“, glaube ich, war’s wohl. Schon durch den Titel vermag man sich zu disqualifizieren. Erinnern Sie sich, wie Sie gelacht haben über die Klassenkameradin mit dem Namen „Sabine Fick“? Was ist aus ihr geworden? Sehen Sie.
Nun wage ich aber die These aufzustellen, dass als „Literatur“ nur anzusprechen ist, was sich quer stellt zu den landläufigen Entwicklungsverläufen. Literatur hat etwas von einem Zeitsprung, im Sinne von: springt aus der Zeit heraus, lässt die Zeit kurz aus den gut geölten Gleisen krachen. (Ich glaube natürlich nicht, dass es ausreicht, um den Zug aus dem Gleis zu werfen, nein, absolut keine Chance. Nur ein kurzes Huckeln, ein Hüpfer, eine Irritation ist drin.) Wenn jemand mit seinem Text nur auf einen durch die Lande rasenden Zug aufspringt, ist er kein Dichter, sondern ein Jemand, der mit seinem Text auf einem Zug sitzt. Haha! So sieht’s aus, Leute!
Realität also. Gay Talese hat ja das Genre einer Art von fiktionalisierter Reportage geschaffen, zusammen mit anderen harten Kerlen („tough guys“) wie Tom Wolfe, die durchs Fegefeuer der Eitelkeiten marschieren, um danach mit dem reinen Gold der Inspiration … äh, ich hab den Faden verloren. Jedenfalls, weil die deutschen Nachwuchsdichter in letzter Zeit, nach dem Ende der Pop-Nachrichten aus der Krampfzone, gar zu faden Kram zusammenschreiben, auf gut Deutsch gesagt, hört man öfter die halb zornige, halb gutgemeinte Empfehlung, es doch mal mit Recherche zu versuchen. Recherche? Mir scheint das kein probates Mittel zu sein in einer Welt, in der weder Gut noch Böse so richtig feststehen und selbst Oben und Unten höchst ungewisse, ungeklärte Richtungsangaben sind. Ich meine, Materialsammlung, schön und gut — aber in welchen Rahmen fügt man das dann ein, das Material? Das ist meine große Frage. Das ist doch so, als wenn man zu einem, der nicht malen kann, sagte: „Kauf dir halt mal gescheite Farben!“
Das, was man, unvoreingenommen erfahrend, als Realität erlebt, ist mit literarischen Mitteln gar nicht darstellbar, oder doch nur auf Umwegen. Die übliche Ha-ha-Methode versagt angesichts der bestialischen Brutalität, deren Knochen an allen Ecken und Enden aus der gepflegten Haut des ganz normalen Alltags herausstechen, total. Der Alltag, sagen wir so, ist ein Caliban, ein wildes Monster, ein swamp thing, das Ihnen die Eier abbeißt (und Ihnen dabei mit einem Lächeln in die Augen blickt), aber die Autoren, von denen ich hier spreche, tun so, als wäre er ein Lieber, der auch seine putzigen Seiten hat. Stimmt aber nicht. Existenz ist ein Wagnis, ein Wahnsinn, ein Sturzflug, Leute! Wacht doch endlich auf! Reißt die Maschine hoch! Ich sage: Ein Buch, das man liest, kichernd in der Badewanne, einen Sekt auf einem Schemel nahebei, ist ein Buch nur im rein phänomenalen Sinne — aus Papier gemacht, bedruckt, gebunden, verkauft. Wobei alles an diesem Buch perspektivisch zusammenschrumpft aufs Verkauft. Ein verkauftes Verbrechen, hätten Moralisten gesagt. Aber Moralisten hatten eben auch noch einen Rahmen, in den sie all diese Recherche-Ergebnisse eintragen konnten.
und dann finde noch einen verleger, der dieses wagnis von literatur auf abwegen finanziell trägt… ‘most wanted’ ist ja leider kein qualitätsmerkmal. nur eben das, womit sich die masse benebelt. ich frage mich, ob der hype um das nichtssagende und leicht konsumierbare noch lange anhält. mir scheint das eher eine art dauerphänomen zu sein.