FiktoJournalismus

Mai 29th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Was mir nicht ganz klar ist”, sagte Lyam, “also, werde ich hier verarscht, oder was? Ich meine”, er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus – von dem Ding blieb außer einem schwarzen Schmier nicht viel übrig, er war wirklich aufgebracht -, blinzelnd und schwitzend sagte er: “Ich meine, ich schreibe diesem Typen eine private, sehr vertraulich zu behandelnde E-Mail, und was macht das Arschloch?” Er schaute auf, und ich, ich lächelte – ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte, also setzte ich ein Lächeln auf, ein Lächeln, von dem ich mir vorstellen konnte, dass auch ein Arzt es in einer schwierigen, eigentlich fatalen Situation aufsetzen könnte, um seinen Patienten zu beschwichtigen, ihn ruhig zu stellen. Eine Verlegenheitsgeste. Am liebsten hätte ich mich unter dem Tisch verkrochen. Lyam schüttelte nur den Kopf, mir in die Augen starrend, als hätte ICH seine E-Mail online gestellt. “So eine unglaubliche”, murmelte er mit kalten, starren Lippen.
“Er ist halt eine Dreckssau”, sagte Bob, “ein Skandaljournalist. Was erwartest du? Zumal du”, bohrte Bob seinen dicken Zeigefinger tief hinein in Lyams Wunde, “zumal du ihn noch extra ermutigt hast, indem du ihn auf diese Idee mit dem Fikto-Kritizismus gebracht hast.”
“Aber das ist doch etwas völlig anderes!” schrie Lyam.
“Natürlich ist es das”, brüllte Bob zurück, “aber du weißt doch auch, Mensch, was für ein Idiot dieser Blogozentriker ist! Dass der das auf seine Art auslegen würde, war doch klar! Wie bescheuert”, tobte Bob, und Lyam erbleichte, “kann man eigentlich sein, ausgerechnet dem Blogozentriker so eine E-Mail zu schreiben? Das ist doch eine Mediennutte, wie sie mediennuttiger gar nicht vorstellbar ist! Der Typ schreibt Artikel übers Arschlecken und übers Furzen beim Arschlecken, um Auflage zu machen, und du”, er langte über den Tisch, verfehlte aber Lyams Gesicht, “du machst so eine Scheiße!” Bob sprang auf und näherte sich Lyam. Dabei zog er langsam seinen Gürtel aus der Hose. “Indem du da diese ganzen Details ausgepackt hast”, zischte er, schlitzäugig wie ein Tiger, “hast du uns alle in eine unhaltbare Situation gebracht. In welchem Licht stehe ich denn da, um nur mal ein Beispiel zu nennen? Als psychopathische Pfeife! Als allerletzter Arsch!”
“Hey, wir sollten jetzt einen kühlen Kopf bewahren!”
Georg trat Bob in den Weg. Bob blinzelte, als müsste er sich erst besinnen, wen er da vor sich hatte. Dann fletschte er die Zähne. Er war nicht er selbst.
“Wir trinken jetzt erst mal in aller Ruhe noch ein Bier”, sagte Georg, und dabei reichte er Bob seine Flasche, “und dann sehen wir weiter.”
In der einen Hand hielt Bob jetzt seinen Gürtel, die Schnalle schwingend, und in der anderen eine 0,33-Liter-Flasche mit herrlich kühlem Beck’s. Er schaute vom einen zum anderen, immer noch wie in Trance. Was jetzt? Die Spannung stieg ins Unermessliche. Aber Bob war halt ein echter Philosoph, einer, der immer eine Lösung fand.
“Weißt du was?” sagte er kurz darauf. “Ich schlag erst mal Lyam zusammen, und dann trink ich das Bier.”
“Aber ich hab dir doch gar nichts getan!” kreischte Lyam. Bobs Brutalität war gefürchtet. Von allen Textchefs war er sicherlich der grausamste – er war der Tamerlan unter den Textchefs.
“Na ja, aber schaden kann so eine Tracht Prügel ja auch nichts, oder?”
Bob grinste. Er hatte seine eigene Philosophie, wie jeder echte Philosoph.
Ich stand auf und sagte: “Das lasse ich nicht zu! Bob, du setzt dich jetzt hin, trinkst dein Bier und hältst die Klappe!”
Was ich nicht bedacht hatte, war, dass ein Meisterdenker wie Bob einen Plan in Windeseile auch umwerfen konnte, ohne darauf verzichten zu müssen, dass er sein Ziel erreichte. Er verdrosch nämlich mich mit seinem breiten Gürtel, und dann setzte er sich auf mich und trank in Seelenruhe sein Bier. Lyam lachte. Das fand ich dann auch schon ein wenig schäbig, denn immerhin war er es, der diese blöde E-Mail geschrieben hatte. Aber ich bin nicht einer von denen, die sich korrigieren, und noch viel weniger bin ich einer, der sich beklagt.

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