Wider den Pop-Intellektualismus
Mai 29th, 2009 § 1 Kommentar
Ich muss gestehen, dass die ganze gegenwärtige Musikindustrie mich nicht interessiert. Mag sein, dass dieses Gefühl auf Voreingenommenheit beruht. Aber mir scheint einfach, dass ich aus dem ganzen eigenbrötlerisch-feinsinnigen Klanggebastel mit dekonstruktivistischem Hintergrund ebenso wenig lernen kann wie aus dem Konzept-Secondhand-Punk, von all den unermüdlichen träumerischen Schweden mit Gitarre und lyrischem Willen ganz zu schweigen. Eine elegant-fingerspitzige Band wie Phoenix wohnt in der Villa gleich neben der von 50 Cent, wenn Sie verstehen, was ich meine. Mir kommt es so vor, als hätte Madonna, die ich immer schon zum Kotzen fand, der ganzen Branche ihren Stempel aufgedrückt, und es ist nun mal der Stempel des Tauschwerts. Nichts davon wäre in einer Währung zu handeln, die sich nicht in Euro oder Dollar umrechnen lässt. Nichts davon hat eine BEDEUTUNG als es selbst! Es ist alles Filmmusik, mit absoluter professioneller Glätte gemacht, aber eben das ist das Problem, die Glätte hat sich das Ganze geschnappt, und das Ganze ist zum Hintergrundgeräusch geworden. Dauernd stehen wir in irgendwelchen Aufzügen und genießen muzak. Die Kaputtheit fehlt mir, das Gebrochene, die Vieldeutigkeit. Es ist alles Schund, meinetwegen hochbegabter, sprachschöpferischer Schund à la Eminem, aber wenn im Hintergrund dauernd die Moral-Keule der ärmlichen Herkunft geschwungen werden muss, dieses Street-Credibility-Banner, damit ich GLAUBEN investieren kann, dann stimmt doch auch was nicht. Sagen wir so: Der Punk fehlt. Es gibt ja diese Aufnahme auf THE GREAT ROCK’N'ROLL SWINDLE, wo Johnny Rotten nach ein paar Takten von “Roadrunner” schon keift: “I don’t know the words, stop it, fuck” usw. Alles etwas billig, etwas dämlich, sicher, auch hurenhaft – aber genauso muss Pop nun einmal sein! Ich will ja, wenn ich mich mit Pop beschäftige, nicht Diedrich Diederichsen, nicht diese “Spex”-Gescheitheit, diese zweitklassige, dafür aber immer dreifach arrogant auftrumpfende Theoriegläubigkeit, dieses Schwelgen in lachhaft überdrehten, verknäulten, nur durch Kunstgruppennamen überhaupt zu beglaubigenden Phrasen, die man immer herunterkürzen kann auf den Satz: “Nee, stimmt so nicht, wie bisher alle glaubten – so stimmt’s jetzt!” Und dazwischen viel Quatsch. Dann kann ich doch gleich Derrida lesen, den Meister. Oder ich lese, was weiß ich – aber doch nicht Diedrich Diederichsen, diesen Rechthaber, diese Madonna des deutschen Feuilletons, die natürlich immer oben hockt auf der Schaumkrone der neuen Modeflutwelle, die über uns hereinschwappt. Oder diese Knallköpfe in der SZ, wie heißen die denn? Oder auch in der FAZ, Pfeil heißt, glaube ich, einer, Eric Pfeil. Wie die immer ganz genau wissen, was in der großen weiten Welt gerade von den Leuten als cool empfunden wird. Eigentlich gibt es für diese ganze Klugscheißerei nur eine einzige plausible Erklärung: Da gibt’s irgendwo eine Agentur, eine Hyper-Marketing-Agentur, von irgendeinem IQ-von-220-Harvard-Absolventen ins Leben gerufen, die immer ganz genau ausrechnet, welcher Trend sich jetzt optimalerweise aus den gerade herrschenden ergibt, und aufgrund diffiziler Algorithmen immer schon ein paar Wochen vor der Konkurrenz sagen kann, woher der Wind weht. Und genau das meine ich ja: Früher hat Bob Dylan gesungen, BLOWIN’ IN THE WIND, und das war auch nicht so 100-prozentig aufrichtig, aber vielleicht lag genau in dieser Verlogenheit, die man ja gar nicht verkennen konnte, in dem Verschweigen seiner Drogenpolitik usw., vielleicht lag darin die Wahrheit des Rockpop-Business. Ich meine, kann doch sein, oder? Und, letztlich, verdammt, was – was weiß ich?
Ist mir eh alles egal. Ich höre seit Jahren nur noch Deep Purple.