Konfrontation mit der Vergangenheit

Juni 2nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Was soll das?”
Er hält mir eine Waffe unter die Nase, schwarz und kompakt, ein unbekannter magerer Mann, im Kunstmuseum von Kleve. Ich weiß, dass es nicht allzu weit von hier eine psychiatrische Klinik gibt mit dem irren Namen “Bedburg-Hau”. Bestimmt ist dieses Exemplar von dort entlaufen, um ein paar Bilder zu beschädigen, von denen er böse Strahlen ausgehen sieht. Der Mann trägt eine unglaubliche Brille, viel zu groß für sein kleines Gesicht. Der pompöse Lauf der Waffe zittert, obwohl das Männlein sie mit beiden Händen hält.
“Sie erkennen mich nicht, stimmt’s?” stößt das Männlein nach einer Weile hervor.
“Nein.” Ich bleibe überraschend ruhig. Als ahnte ich, dass dieser Idiot allenfalls für sich selbst eine Gefährdung darstellt. “Aber wenn Sie ein paar dieser Beuys-Exponate dort hinten ramponieren wollen – meinen Segen haben Sie. Es gibt genug davon. Zu viele.”
Ich lächele sogar, obwohl ich, das gebe ich zu, automatisch die Hände gehoben habe, wie in einem Gangsterfilm.
“Wenn ich sage: Max Beermann, da klingelt’s bestimmt auch nicht bei Ihnen?”
“Max Beermann?”
Doch, da klingelt etwas bei mir. Ich weiß nur nicht, was.
“Helfen Sie mir mal auf die Sprünge”, sage ich freundlich.
“Fünfte Klasse?”
“Max Beermann”, rufe ich aus, “natürlich! Das Mäxchen!”
“Wir saßen nebeneinander!”
Ein unglaublich hässliches Lächeln entstellt dieses formlose Gesicht noch mehr.
“Sie meinen …” Ich merke, wie meine Hände von selber anfangen zu sinken. “Sie meinen, Sie sind meinetwegen hier? Und nicht wegen der Kunst?”
“Kunst! Ha!”
Der Kerl ist verrückt, keine Frage. Seine Augen rollen und flackern, und nervös betrachte ich seinen Zeigefinger, dieses verkrümmte, schrumpelige Würmchen, das sich um den Abzug windet. Wir sind allein in der Abteilung. Niederrheinischer neogothischer Expressionismus. Es sind Werke, die wirken, als würden sie in Bedburg-Hau am Fließband hergestellt. Nicht einmal einer der Wächter verirrt sich hierher, als hoffte man insgeheim, dass jemand diese grotesken Hervorbringungen eines verdrehten Kunstwillens stiehlt. Max Beermann ist nur halb rasiert, Kinn und Wangen bedecken Schnittwunden, und ich stelle mir vor, wie er vor dem Spiegel auf und ab läuft und versucht, sich auf den Nassrasierer und den Schaum zu konzentrieren, was nicht so recht gelingen will.
Allmählich bekomme ich Angst.
Meine Füße sind kalt, obwohl es ein milder, schöner Frühlingstag ist.
Allein im Museum, mit einem Irren. Und seinem Revolver.
“Du hast mich gedemütigt”, zischt er, der Zwerg mit dem Schießeisen. “Du hast mich bei jeder Gelegenheit fertig gemacht. Du hast mich behandelt wie, wie Scheiße!”
“Das wollte ich nicht”, sage ich. Es klingt bizarr einfallslos, wie in einem ARD-Film. Ich wiederhole schnell: “Das wollte ich wirklich nicht.”
Er wirft den Kopf in den Nacken und kräht. “Er WOLLTE es nicht!” Es ist wohl ein Lachen, aber es könnte auch ein Schrei der Verzweiflung sein oder ein gigantischer Rülpser. Seine riesigen weißen Augen mit der kleinen blauen Iris darin kleben an der Decke, er hat vergessen, wo und wer er ist, und ich nutze die Situation. Ich packe seinen Revolver mit der einen Hand und knalle ihm meine andere Hand in Faustform aufs Kinn. Er jault auf, lässt die Waffe los und setzt sich auf den Hosenboden. Dort sitzt er, sich das Kinn haltend.
“Sie haben mir den Kiefer gebrochen”, jammert er.
“Kann sein”, sage ich und entlade die Waffe. “Selbst schuld.”
“Sie sind”, spuckt er mir vor die Füße, “immer noch so ein Arschloch wie früher!”
“Pass auf”, sage ich und ziehe meine Fußspitze zurück, “das sind Markenschuhe.” Und dann, aus einer Laune heraus, versetze ich ihm einen Tritt in die Fresse. Wirklich brutal. Hinterher, als ich die Fahrertür meines Audi öffne, tut es mir leid. Ich hätte mich zügeln können. Aber es war ein Reflex, eine Methode, den Stress zu verarbeiten. Nur menschlich. Und es war auch ein Spaß, denke ich. Dieser Idiot hat mich schon immer zur Weißglut gebracht. Ich sehe ihn vor mir, wie er da liegt, im Museum, bewusstlos, eine beknackte Installation mit klebrigen Haaren und blutverschmiert, in einer Lache von Schmutz und Exkrementen. Er passt ganz gut rein in die niederrheinische Neogothik.
Ich werfe seine Waffe in einen Abfalleimer.
Ich halte die Umwelt sauber.

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