Mach doch einfach mal Kunst, Mensch!
Juni 4th, 2009 § 1 Kommentar
Heutzutage wird alles verworfen, was nur oder auch nur in erster Linie Unterhaltung ist. In Vergessenheit gerät, dass Kunst immer ein Abfallprodukt ist, Randerscheinung eines Bestrebens um makelloses Handwerk. Ich halte es für einen modernen Mythos, dass Kunst in erster Linie Intention sei. Eher ist sie ein Reflex, etwas ganz Archaisches. Das mag reaktionär klingen, aber sind wir nicht mittlerweile alle irgendwo ganz altmodisch ausgelaugt von dem ständigen Behaupten einer noch eine Windung höher hinaufgeschraubten Kunstmäßigkeit von Dingen, die sich dem unbefangenen Blick als reiner Schwachsinn präsentieren?
Ich gebe zu, man muss sich in dieser Frage entscheiden: WILL man glauben, oder will man es nicht? Ist der in die Seite eines Fernsehers gepresste Reißnagel eine Aussage über Geschichte und/oder Natur des Menschen, oder ist er nur ein Reißnagel, den einer in die Seite eines Fernsehers gedrückt hat? Werde ich ganz hibbelig, weil dieser Reißnagel so unerhörte Interpretationsspielräume aufreißt zwischen Pointilismus und Spitzfindigkeit, oder entnervt er mich als leere Kunstübung eines vermutlich Unbegabten? Schon an der Vokabel “spannend” entzündet sich diese Debatte. Finde ich jetztmoderne Kunst spannend? Oder macht sie mich ratlos-traurig? Oder wütend?
Ich weiß schon, ich laufe Gefahr, ganz un- oder antibrechtisch für eine kulinarische Kunst zu plädieren. Aber das entspricht eben meinem Wesen! Ich kann nicht anders. Ein bisschen Pomp und Umstände hab ich ganz gern, ein bisschen Pathos, ein bisschen große Geste. Wer davor zurückscheut, von dieser Intuition vermag ich mich trotz aller Ermahnungen der Hyperkritischen nicht freizumachen, wäre in der Naturwissenschaft besser aufgehoben, denn dieses Decorum transportiert etwas, das anders nicht zu sagen oder zu zeigen wäre. Es ist natürlich auch dumm, natürlich auch lächerlich — aber das ist der Preis, den man zu zahlen hat, wenn man bewegen will. Nur ein Idiot macht sich diese Mühe.
Ich glaube, Rückbesinnung auf die ganz Großen tut not, und wenn ich das sage, übe ich mich nicht in Ironie, sondern in Demut. Man solle sich Shakespeare, warnt etwa der Biograph Hans-Dieter Gelfert, “nicht als feinsinnigen Verfasser subtiler Kunstprodukte, sondern zuerst einmal als einen gewieften Theaterpraktiker vorstellen, der alles, was sich auf der Bühne als wirksam erwies, auch einsetzte … Dazu gehören Geistererscheinungen, Bankettszenen, Auftritte von Wahnsinnigen oder Melancholikern und das Spiel im Spiel.” Natürlich können Sie jetzt sagen: “Ach, Shakespeare, das ist doch Renaissance-Kram. Seitdem hat sich doch so viel getan, das kann man doch nicht mehr im Ernst als Maßstab heranziehen!” Aber überlegen Sie doch mal — allein, dass einer sich so reinhängt, um uns ein bisschen Freude zu bereiten, uns ein Lächeln abzuluchsen, das wir lieber für uns behalten hätten — ist das nicht gigantisch?
Thanks for that. It’s really imformative read.
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