Cacacalibanbanban
Juni 5th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Sie gingen hinunter zum Hafen, zwischen ihnen das Kind. Das Kind mochte ein Eis, und das Kind bekam ein Eis. In der Ferne lagerte dunkel und gelb eine Wolke über der Mündung des Flusses. Er fragte sich, wann er dieser Idylle müde sein würde. Er war nicht gemacht für das sesshafte Leben, dachte er, mit einem schuldbewussten Blick hinüber zu der Frau. Sie war eine hübsche Frau, mit festen, handlichen Brüsten und einem wunderschönen Bauch. Wenn sie auf ihm saß, nachts, nachdem das Kind endlich eingeschlafen war, ganz leise sich auf und ab bewegend, fragte er sich, womit er so viel Glück verdient hatte. Die Antwort war: Hatte er gar nicht. Dieser Max, Max Beermann, hatte sie verlassen, und sie war in seine Arme geflüchtet, mit dem Kind. Das Kind von Max Beermann. Er zuckte innerlich die Achseln. Er liebte das Kind, als wäre es sein eigenes. Sein eigen Fleisch und Blut. Womöglich liebte er es sogar stärker, als wenn es wirklich sein eigen Fleisch und Blut gewesen wäre. Von seinem Blut hatte er keine besonders hohe Meinung, und sein Fleisch interessierte ihn gleichfalls nicht übermäßig.
Er sagte: “Möchtest du morgen in den Zoo?”
Die Frau sagte müde: “Du verwöhnst Elsa.”
“Sag, Elsa. Morgen in den Zoo?”
Er machte große Augen und Schmolllippen, und das Kind kiekste.
“Du verwöhnst sie”, wiederholte die Frau und zog an ihrer Zigarette.
“Das will ich sehr gern”, sagte die kleine Elsa. Sie sagte es mit einem dünnen Stimmchen und einem leichten Lispeln, und ihm zerriss es fast das Herz. Das Kind eines Anderen. Ein wunderbares Kind.
Er erhob sich und nahm die Frau beiseite.
“Ich kann dir keine Hoffnungen machen”, sagte er.
“Was meinst du? Was für Hoffnungen? Ich habe nie Hoffnungen gehabt.”
“Ich weiß. Aber du hast gehofft, dass wir, du und das Kind und ich.”
“Nein. Ich wusste, dass du.” Sie wandte den Blick ab. “Willst du schon wieder fort?”
“Ich bin Seemann, Nico. Ich bin Seemann, und meine Heimat ist das Meer. Ich werde seekrank, wenn ich zu lange auf dem Land bin.” Er sah zu dem Kind hinüber, das am Geländer herumkletterte. “Ich liebe dich, und ich liebe das Kind. Aber ich liebe auch das Meer.”
“Eine tragische, mythische Liebe”, sagte die Frau angewidert.
“Du lachst darüber”, sagte er, “aber für mich ist es ernst! Es ist alles, was ich habe.”
“Und wir?” Die junge Frau warf einen besorgten Blick auf ihr Kind. “Wir sind nicht ernst?”
“Ihr seid wunderbar”, sagte er, “aber ihr seid das Leben. Und ich bin ein Mann des Todes.”
“Unsinn!”
“Leider nicht. Ich habe es immer gewusst, schon seit ich ein kleiner Junge war. Ich wusste es. Das Leben ist nichts für mich. Ich gehöre der anderen Seite an.”
Sie schaute in die Ferne, trotzig und wunderschön. Für ihn war sie unerreichbar, auf alle Zeiten — das spürte er in diesem Augenblick.
“Geh mit ihr in den Zoo, morgen”, sagte die junge Frau tonlos, “und dann geh.”
“Ich werde wiederkommen.”
“Wirst du das?” Sie zuckte die Achseln. “Gut möglich.”
Plötzlich sagte er wütend: “Das ist doch alles Kitsch hier!”
Sie schnippte die Zigarette weg. “Du hast Recht. Lass uns gehen. Hey, Elsa”, rief sie, “komm, wir gehen nach Hause, bevor das hier total aus dem Ruder läuft.”
Er sah mich an, mit einem wütenden Blick.
“Du bist so ein Arsch, das hier zu so einer Kitsch-Nummer eskalieren zu lassen!”
“Was soll’s”, erwiderte ich. “Du bist doch nur so eine Laune von mir.”
“Eine Laune?” Er ballte die Faust. “Ich zeig dir gleich, wer hier eine Laune ist!”
“Blas dich nicht so auf”, sagte ich, lachte und versetzte ihn mit einem Hieb auf die Tasten auf eine einsame Insel zwischen Tunesien und Neapel.
“Verdammt”, schrie er, “bin ich Prospero, oder was?”
“Nein”, sagte da hinter ihm eine finstere, gebückte, haarige Gestalt. “Aber ich bin Caliban.”