Schreiben — woraus, womit, wovon?
Juni 7th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Das sind die entscheidenden Fragen, wenn man nicht einfach in blinder Imitation eines geliebten, hochbewunderten Ideals als Schatten durchs Leben wandern will. Sind Sie einer, der mit dem Kochlöffel seine Geschichten schreibt? Oder zwingt der Ausfluss von Tinte aus der Spitze eines Füllfederhalters Ihnen Entzücken ab? Sind Sie eher Malte Laurids Brigge oder Bret Easton Ellis? Oder Massengeschmacksverstärker wie Gabriel Garcia Márquez oder Maria Sveland (BITTERVOTZE)?
Aus welchem Stoff sind die Räusche, die Ihnen Ihr Material liefern? Oder setzen Sie auf knallharte, staubtrockene Recherche? Schreiben Sie mit der Faust, abends, im Boxring, an der Story Ihres Lebens? Oder trauen Sie sich nur nicht zu sagen, wie lebensängstlich Sie sind, wie die Popautoren? Haha! Welche Stoffe treiben Sie um? Schießen Sie auf Ihren Lektor, oder empfinden Sie das Genörgel eines kritischen Begleiters als hilfreich? Mögen Sie es, wenn die Quellenlage raschelt, wenn halbdurchsichtige, längst tote Italienerfürsten sich aus ihren Grüften in Mailand, Padua, Genua, Florenz und Venedig erheben und nach Neapel ziehen, um dort in finsteren Ränken einen Michelangelo-Code zu ersinnen? Oder soll eher alles auf einen Rutsch aus Ihnen herausströmen?
Sind Sie ein Tagträumer oder einer, der sich auf dem Barhocker herumdreht und grunzt: “Ich hab nie getagträumt!”? Ist Schreiben für Sie eher storytelling oder Kalligraphie? Der Möglichkeiten sind so viele! Da gibt es diese erzgescheiten, ewigjungen und ewigalten Gestalten in den Galerien und Museen und bookshops, mit einem Aufsatz von Walter Benjamin oder Clement Greenberg in der Tasche und einem Erklärungskopfhörer auf, geduldig die Zeichen der Zwänge entziffernd, welche zur Kunst gerannen, dem Lispeln lauschend über die Abgründigkeit. Sie sprechen mehrere Sprachen, weil sie geborene Babylonier sind, Heimatlose, Exilanten am Nullpunkt des Textes. Wie ein Idol steht in der Mitte ihres Lebens ein Rätsel. Andere ringen mit der Leinwand, kämpfen gegen einen inneren Dämon, der ständig flüstert: “Nö, das ist es nicht. Das ist es noch nicht!”