Die Krise zum Stück

Juni 8th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich fragte mich ein Regisseur, einer dieser berüchtigten Nachwuchs-Regisseure, von deren Gattung im Feuilleton immer so viel die Rede ist, ob ich ein Stück kennte, das sich mit der Wirtschaftskrise beschäftigt.
„Nö“, sagte ich, „kenn ich nicht, interessiert mich aber auch nicht!“
Sie wissen ja, dass Sie, wenn Sie schon keine Ahnung haben, wenigstens nassforsch sein müssen, sonst werden Sie sofort untergebuttert.
Wir fingen dann mit einem Gespräch darüber an, wie so ein Stück aussehen könnte, und ich erzählte ihm, der sich von Weizenbier zu Weizenbier hangelte, es gebe bei Malcolm Gladwell, in seinem letzten Bestseller, „Blink!“, einem Buch über die Macht des Denkens ohne Denken, das er ja sicher kenne?
Nö, sagte der Regisseur, sein Weizenbierglas am Fuße ergreifend, das sei ihm unbekannt.
„‚Blink!’, sagst du?“
Ja, sagte ich, „‚Blink!’“.
Er denkt nach, oder jedenfalls blickt er sinnierend, dann schüttelt er den Kopf.
„Bedaure.“
Wie auch immer, sagte ich, da gebe es eine interessante Anekdote. Die könne uns vielleicht weiterhelfen. Gladwell sei ja ohnehin der Meister der Anekdote, sagte ich. “Man denkt, nun komm doch mal auf den Punkt, Junge, aber da knallt er dir schon wieder eine Anekdote hin!” Der Jungregisseur bestellte vorsichtshalber schon mal ein weiteres Weizen. Er wich meinem Blick aus. “Hm, hm”, machte er nur immer wieder.
Ich war jetzt ganz schön in Fahrt und kletterte auf den Tisch, um meinem Gegenüber näher zu sein und das Gespräch entsprechend zu vertiefen.
„Da gibt’s also diese Geschichte“, sagte ich, sehr laut, übrigens, wie ich an den Reaktionen der Umsitzenden ablesen konnte, „wo Gladwell schreibt, dass sich bei einer Tagung in Atlanta junge Broker, also Aktienhändler, von der New Yorker Börse hervorragend verstanden hätten mit hohen Offizieren.“ Ich führte aus, dass beide Berufsgruppen ja eigentlich einen vollkommen anderen Hintergrund hätten – bei den einen Feindbeschuss, bei den anderen wilde Spekulation. Und doch hätte sich gezeigt, fuhr ich in meinen Ausführungen fort, dass es eine Gemeinsamkeit gab: Alle lebten sie davon, dass sie in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällten.
Der Regisseur guckt mich an. Eine ganze Weile. Es ist so ein Blick, der darauf schließen lässt, dass er nicht weiß, ob er jetzt signalisieren soll, dass er ganz genau weiß, worauf ich hinauswill, oder ob mein Gerede ihm so abwegig erscheint, dass er kaum umhin kann, mir das mitzuteilen.
„Broker und Offiziere“, sagt er vorsichtig, den Ton leicht anhebend gegen Ende des Satzes, aber noch nicht ganz im Fragetonfall.
Er ist schon ein Diplomat, denke ich. Ich nicke: „Broker und Offiziere“, aber dann fällt mir etwas ein.
„Ob das allerdings wirklich in Atlanta war“, sage ich, „weiß ich gar nicht. Vielleicht war das auch in Boston. Oder in Chicago.“
„Na“, meint der Regisseur ironisch, „solange es nicht in Miami war …“
„Doch“, sage ich, „könnte auch sein.“

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