… des Romans” schicken lassen, für 18 Euro. Ein großartiges Buch, wie ich beim Blättern in einem dieser Buchdiscounter, die inzwischen deutschlandweit die Buchhandlungen ersetzt haben, mal feststellte. Damals kaufte ich es aber nicht, gestern dann hab ich’s bestellt. Ich sagte mir: Was soll’s. Und es ist wirklich ein hervorragendes Buch, selbst wenn die FAZ befand: “Ein literarisches Ereignis.” Das muss einer von den guten Jungs bei diesem Gemeindeblatt des bildungsbürgerlichen Establishments geschrieben haben. Anyway. Roland Barthes beschreibt in einer Folge von Vorlesungen die Schritte, die man vollziehen muss — oder die sich vollziehen müssen –, damit aus dem Schreibenwollen ein Schreibenmüssen wird. Er untersucht diese Schritte anhand der Biographien von Flaubert, Kafka und Proust, und jemand hat dann eben ein Buch aus diesen Vorlesungen kompiliert.
In dem 560-Seiten-Buch fand ich, und das tröstete mich, auch ein Bekenntnis zum Notierenmüssen. Mir ist das ja wahnsinnig peinlich, dass ich fast zwanghaft Notizbücher fülle mit mal luziden, mal okayigen, mal aber auch wirklich dämlichen Bemerkungen. Ich kann einfach nicht anders. Eine Zeitlang wachte ich mitten in der Nacht auf, der Schlaf hatte sich verflüchtigt, auf die andere Seite des Erdballs war er entschwunden, und ich kroch aus dem Bett, leise, um meine Frau nicht zu wecken, und legte mich im Wohnzimmer auf die Couch und machte Aufzeichnungen. Ich nahm mir mein Notizbuch und schrieb. Das half mir, es entspannte und entlastete mich, und bald darauf konnte ich einschlafen.
Es wäre wirklich interessant, diesem Zwang zum Ausdruck mal nachzugehen. Ich glaube ja, nach ausgiebiger Selbstuntersuchung, eigentlich nicht, dass ein praktischer Zweck dahinter steckt. Ich glaube, es ist eher, wie Gottfried Benn geunkt hat, eine Sache der Hand, die einfach einen Stift halten und Tintenspuren hinterlassen will. Eine Sucht, sich bemerkbar zu machen, vielleicht, wenigstens für sich selbst. Es handelt sich nicht um ein Tagebuch — nicht, dass Sie das denken! Natürlich kann man zwischen den Zeilen auch ein paar Tagesabläufe rekonstruieren (“Die Giraffe im Zoo von Jakarta fängt die ihr zugeworfenen Nüsse mit der langen, schleimigen roten Zunge und wirft sie elegant ins Maul”), aber der Hauptzweck ist etwas anderes. Der Hauptzweck ist eine Poetisierung der Banalität des Alltags. So bescheuert das klingt, irgendwie ist es mir verdammt ernst damit.
Und darum vielleicht wäre es mir wahnsinnig peinlich, wenn diese Notate (entschuldigen Sie den Ausdruck!) einer breiteren oder auch nur schmaleren Öffentlichkeit bekannt würden. Klar, diese Scham, diese vorauseilende Scham stellt sicherlich auch ein Zeichen dar — sie weist auf ein gestörtes Verhältnis zu meinem wahren Selbst hin. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich heilfroh bin, dass es mit unserer Kultur im Augenblick so rapide abwärts geht — ich hätte mich sonst vollkommen deplatziert gefühlt auf diesem Planeten. So bringt die Weltordnung sich endlich in Übereinstimmung mit meinem katastrophischen Grund- und Existenzgefühl. Ich bin der geborene Apokalyptiker, glaube ich, und wenn es dafür auch familiäre, oder sagen wir: autobiographische Motive in Hülle und Fülle gibt, vermute ich doch auch noch etwas anderes dahinter, etwas Älteres. Aber das ist wie mit dem Notierenmüssen, kein Mensch kann das richtig erklären.