Rhapsodie in Blut

Juni 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Danny Schwarz setzte sich ans Klavier, um es mal etwas euphemistisch auszudrücken. Die Wahrheit war: Sie packten ihn und wuchteten ihn auf den Klavierhocker. Er stöhnte leise. Die Schmerzen waren überwältigend, aber eben auch so ungeheuer, dass sie von Zeit zu Zeit seinen Körper zu verlassen schienen. Er versank dann in einem Meer aus Qual, das Gesicht am Meeresboden. Jetzt, auf dem Klavierhocker vor und zurück schwankend, trieb er wieder oben auf den Fluten. Sie waren blutig rot, und eckige Blitze zuckten gespenstisch über sie hinweg.

“Spiel mir”, sagte Bert “Big” Bruder, “die ‘Rhapsodie in Blue’, Danny, von Gershwin.”
Bruder hockte in seinem roten Samtsessel, eine Zigarre rauchend. Während seine Jungs, Bob und Georg, Danny erst die Finger einzeln gebrochen und dann Stück um Stück mit einer Gartenschere abgeknipst hatten, hatte er nur da gesessen und die Show genossen. Danny Schwarz schuldete ihm 500 Euro, er hatte lange genug Zeit gehabt, die Schulden zu begleichen, aber dann war Bruder der Geduldsfaden gerissen. Er hatte seine beiden fiesesten Schläger angerufen und ihnen gesagt, sie sollten sich ihre Latexkluft anlegen. Es werde etwas feucht-fröhlich zugehen. Die beiden Idioten hatten gekichert wie 13-jährige Mädchen, denen man am Bahnhof eines Provinzstädtchens unversehens ein Sex-Angebot macht. Sie waren hirnlose Sadisten, wie sie im Buche stehen, bevorzugt in so einem windigen Heftchen, wie man sie in der Bahnhofsbuchhandlung für ein paar Euros kaufen kann. In einem “Landser”-Roman wären sie vermutlich als bolschewistische Häscher eingesetzt worden, mit der Lizenz zum grausamen Töten … aber was interessierte Bruder dieser Nazi-Kram! Den überließ er gern alten Männern auf Provinzbahnhöfen, die mit gewissen Erinnerungen partout nicht fertig wurden.

“Wie findest du’s?”
Bob sah seinen Chef erwartungsfroh an. Der nahm die Zigarre aus dem Maul.
“Sag mal”, sagte er, “willst du mich verarschen?” Er blickte Georg an. “Und du? Wie kannst du deinen Kollegen so eine Scheiße schreiben lassen? Hört doch endlich mal auf mit euren Sado-Stories! Und dann noch dieser Nazi-Touch. Du hast”, sagte er zu Bob, seinen Kopf schüttelnd, “wirklich den Arsch offen, mein Lieber!”
“Wir dachten”, erklärte Bob, “wir versuchen ein bisschen loszukommen von diesem Furzen-Arschlecken-Image, das man uns verpasst hat.”
“Indem wir in die Brutalo-Ecke marschieren?” Bert “Big” Bruder verzog sein Gesicht. “Das kommt nicht in die Tüte! So eine Scheiße will ich nicht mehr lesen, Freunde!” Er warf das Manuskript direkt in den Mülleimer. Und es war nicht der Mülleimer der Geschichte, sondern ein ganz gewöhnlicher, der jeden Morgen geleert wurde, ohne dass von seinem Inhalt auch nur die geringste Spur blieb.
Melancholisch verfolgte Bob den Abflug seines Textes.
“Hm, okay”, murmelte er dann. “Was soll’s. Versuchen wir was Neues.”

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