Die Öffentlichkeit hat keine Adresse
Juni 14th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Wer wird eigentlich morgen noch lesen? Ich meine damit ein Lesen, das nach beiden Seiten hin offen ist, nach innen wie nach außen. Nur jemand, scheint mir, der in der Lage ist, in jeder Äußerung auch sich selbst zu sehen — durchaus in dem Sinne, in dem die Redewendung dem Redegewendeten einen “kritischen Spiegel” vorhält –, versteht, worauf die Kunst des Lesens eigentlich hinausläuft. Es geht um Selbstwahrnehmung, um Selbstkritik. Sprache ist das einzige Medium, das uns Selbstkritik ermöglicht! (Meine Arbeitsthese, meine Damen und Herren. Dass dies meine Arbeitshypothese ist, erklärt vielleicht auch, warum “Fakten, Fakten, Fakten” als literarischer Maßstab für mich völlig indiskutabel ist! Schon Churchill sagte bekanntlich, er traue nur Statistiken, die er selbst gefälscht habe.) Auch das Foto ermöglicht uns Selbstkritik — aber dabei geht’s dann um die Frisur.
Was passiert, wenn wir die Fotos wörtlich nehmen, als Maßstab, an dem wir uns messen, beweist die Anorexie. Die Magersucht ist die Krankheit einer Zeit, in der Bilder uns kritisieren. (Vielleicht kommt daher auch jene unheilvolle Allianz von Magersucht und Internet? Auch das Internet, glaube ich, ist eigentlich ein visuelles Medium, ein rein abbildendes, ohne jede geistige Dimension, wie der Spiegel. Nur ist es ein Spiegel, den wir manipulieren können — über Programmierungen. Diese Programmierungen gehen aber über sprachliche Programmierungen in einem entscheidenden Punkt hinaus — sie zeigen gefälschte, manipulierte FOTOS. Die Ästhetik des Internets ist im Grunde eine Foto-Ästhetik.) Optische Bilder geben uns wider, ja — aber sie sind eben kein KRITISCHES Medium. Sie sind zur Kritik gerade darum nicht geeignet, weil sie lediglich Ist-Zustände festhalten. Wenn wir aber denken, der Ist-Zustand sei eine Anklage, dann haben wir ein Problem.
Vielleicht liegt hier im Tiefsten eine sprachliche Verwechslung vor, die Vertauschung von Reflexion als Zurückwerfen von Lichtstrahlen mit der Reflexion als Arbeit des Innenlebens. Das Verrückte ist: Während wir die Seele bis zu einem gewissen Punkt TATSÄCHLICH endogen manipulieren und modellieren können — uns etwa von einer Depression befreien oder von einer Neurose befreien, immer im Zusammenspiel mit der äußeren Wirklichkeit, natürlich, als Produkt WIRKLICHER Arbeit –, ist der Körper das GESETZTE. Der Körper ist reine Realität, Realität aus Fleisch und Blut, in Zentimetern und Kilogramm messbar. Daran können wir nichts ändern, es sei denn, wir greifen zum Skalpell. Dieses aber können wir nicht selber führen.
Wir SIND unser Körper — unsere Seele (als Zusammenklang von Neurosen, Fehlleistungen und Handlungsgelispel) sind wir nicht. Die Seele erschafft uns, wie wir unsere Seele erschaffen! Unsere Körper müssen wir akzeptieren — nicht als letztendlich entscheidende Größe, um Himmels willen, im Gegenteil! Wir müssen ihn als Grundlage akzeptieren, als Beiläufiges, Hinzunehmendes. Am Körper laborieren zu wollen — das ist verdammt riskant. Die Doping-Kultur, deren Ziel die Annihilation des Natürlichen ist, beweist es. Und sie beweist auch, wie ÖDE es im Grunde ist, den Körper zu verändern! Wenn wir Karl Kraus’ Invektiven gegen gedankenlosen Sprachgebrauch als Instruktionsschrift studieren, der wir entnehmen können, wie wir selbst den Ahnungslosen noch besser triezen, dann haben wir etwas missverstanden.
Der Pageturner ist, indem er das Wegrennen vom Eigenen zur olympischen Übung macht (“Heute 300 Seiten! Yeah! Und ich hab kein einziges Mal an mich selbst gedacht!”) ein literarischer Irrweg. Natürlich sage ich das nur als so ein richtiger bürgerlicher, innerlichkeitssüchtiger Klops. Ich habe auch keine Antwort auf die Frage: “Wie lese ich richtig?” Wenn Baudelaire schon glaubte, es könnte einigermaßen schwierig werden, in einer so sinnesgereizten Gegenwart einen Leser zu finden — was soll dann heute einer sagen? So langsam wird’s ja schon schwierig, jemanden zu finden, der Radio hört.