Massenmedienmagie, jeweils
Juni 14th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Sie halten es für eine märchenhafte Übertreibung, dass Prospero, abgesetzter Herzog von Mailand in Shakespeares “The Tempest”, mit ein bisschen weißer Magie in der Lage gewesen sein soll, den Verstand seiner Feinde zum Flirren und Schwirren zu bringen? Aber wie erklären Sie sich dann, was am 30. Oktober 1938 an der Ostküste der USA geschah, als das von Orson Welles gegründete Mercury Theatre on the Air eine Hörspiel-Adaption von H. G. Wells’ Science-Fiction-Klassiker “Der Krieg der Welten” ausstrahlte? Das Massenmedien-Wunderkind Welles und seine künstlerischen Kollaborateure gaukelten am Vorabend von Halloween den Radiohörern draußen im Lande vor, Marsmenschen seien in New Jersey gelandet, und jetzt könnten die Menschen live die weiteren Entwicklungen dieses Ereignisses von intergalaktischer Tragweite in Form von Vor-Ort-Reportagen verfolgen. Eine Massenpanik breitete sich im Lande aus, während die Marsmännchen auf den Radiowellen unerbittlich ihren vermeintlichen Vernichtungskrieg gegen die menschliche Spezies fortsetzten, und obwohl der Sender CBS wiederholt auf den fiktionalen Charakter der Sendung hinwies, waren manche braven Amerikaner sogar schon entschlossen, lieber ihrem Leben ein Ende zu setzen, als in die Fänge dämonischer Marsianer zu geraten.
Das kann passieren, wenn Prospero einen Augenblick nicht aufpasst beim Herumspielen mit seinem Zauberstab.
Orson Welles war übrigens von Kindheit an ein Fan von William Shakespeare.