“Ich gebe zu”, sagte Bob, nachdem …
Juni 15th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
… er den Kronkorken mit Hilfe seiner Zähne von seiner Bierflasche entfernt hatte, “dass die stärksten Empfindungen, die ich habe, Enttäuschungen sind. Vielleicht auch ab und an etwas anderes, aber in letzter Zeit regiert Enttäuschung meinen Emotionshaushalt. Merkwürdigerweise habe ich eine große Empfänglichkeit für Enttäuschungen, für menschliche Enttäuschungen, und das brachte mich gerade auf einen Gedanken.”
“Raus damit”, sagte Georg.
“Ob nicht vielleicht die Sprache”, fuhr Bob also fort, “auch insofern ein Fluch ist, als sie uns all diese idealistischen Konzepte, an denen jeder von uns — und ich meine: jeder — tagtäglich scheitert, überhaupt erst ermöglicht? Wäre es für uns nicht, so fragte ich mich, insgesamt besser, wenn wir uns so sähen, wie wir sind, also in einem Spiegel, in einem visuellen Medium, unmodellierbar und unverrückbar das, was wir sind? Seltsame Tiere, die Wolkenkratzer bauen? Innerlich bewegt sich bei uns Menschen immer so verdammt viel, da herrscht ein ständiges, lust- und leidvolles Auf und Ab — oder wenigstens sind einige von uns von solchen Bewegungen betroffen. Äußerlich hingegen strahlen wir eine fast plastikartige Unveränderbarkeit aus. Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, bei denen solch eine Unverrückbarkeit auch innerliche Tatsache ist. Menschen, in denen nur dann etwas vor sich geht, wenn sie es wünschen. Wie ist es bei dir?”
Georg zuckte die Achseln.
“Na, geht schon”, murmelte er.
“Bei mir ist es leider nicht der Fall.” Bob schüttelte betrübt den Kopf. “Mich packen meine Empfindungen immer am Genick und schleudern mich herum. Ein anderes Bild. Ich paddele dauernd in einem Meer herum, und wenn dann die Enttäuschungen, hereinpfeifend, einen Sturm entfachen, dann sieht’s übel aus.”
Georg kniff ein Auge zusammen. “Ich verstehe”, sagte er, “ja, ja. Ich verstehe schon.”
“Was denn?” Bob hob die Augenbrauen und sah seinen Kollegen an. “So hab ich dich ja noch nie gesehen, so nachdenklich?”
“Ach”, sagte Georg unwirsch und warf einen Zweig, mit dem er die ganze Zeit über gespielt hatte, davon, “nichts.”
“Doch, es ist doch was”, sagte Bob.
“Nein, es ist nichts!” sagte Georg grob und schwang sich von der Brüstung, auf der sie zusammen gesessen hatten. “Wir sehen uns später.”
Dem Davoneilenden rief Bob hinterher: “Ja, bis morgen, alter Freund!”
Georg wandte sich um.
“‘Freund’?” krähte er. “‘Freund’ ist ja wohl etwas übertrieben gesagt, was?”.