Augen und Blicke

Juni 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Ob das funktioniert?” Bob verzog seine Visage zu einem Fragezeichen. “Ich meine, 400 Seiten Augenblicke? Ein Augenblick, okay, der dauert eine halbe Seite. Maximal. Dann ist für mich”, Bob tippte sich an die Brust, “für mich ist nach einer halben Seite ein Augenblick vorbei! Danach beginnt die Epik. Und das, was Sie wollen”, er sah den jungen Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, jenseits des Monitors seines PCs, aufrichtig an, “ist ja eine Augenblickskunst. Das sagen Sie ja ganz deutlich.”
“Ja? Hab ich das so”, murmelte der junge Mann.
“Und das find ich auch gut”, schnitt Bob ihm das Wort ab. “Das ist ja richtig, der Epiphanie die Treue zu halten, der Gelegenheitsdichtung, dem Text, der auf Inspiration beruht.” Bob überlegte und kratzte sich, um diesen Vorgang zu beschleunigen, das Kinn. “Aber wenn Sie mal in sich hineinlauschen. Halten Sie 400 Seiten Inspiration aus? Ich meine, das ist doch auch verdammt strapaziös, Inspiration! Man will ja auch dann und wann ganz gutbürgerlich gelangweilt werden, oder?”
Der junge Mann, immerhin ein Dichter, nach eigener Auffassung, einer, der mit den Worten in einem besonderen Verhältnis stand, also ein Wirrkopf, sozusagen, ein Verwirrter, ein auf Abwege Geratener, eine verlorene Seele, die nach einem Schlupfwinkel suchte in diesem monströsen Kampf eines gemeinen, brutalen und kurzen Lebens, welchen Hobbes als den “Krieg aller gegen alle” beschrieben hat, Verzweiflung schnürte diesem Vereinzelten, tragisch auf sich allein Gestellten die Kehle zu. So hatte er sich das nicht vorgestellt, verdammte Scheiße! Letztlich wollte er diesen Roman, “Nackte Seelen”, und über den Titel konnte man ja sowieso verhandeln, Mensch, das ist doch auch wirklich scheißegal, wie so eine Schwarte heißt! Das Ding sollte gedruckt werden, dachte der junge Mann bitter, und dann sollte es verkauft werden, und zwar nicht zu knapp. Und deswegen hatte er sich an die Profis von n+2 gewandt, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass die es wirklich drauf hatten. Die konnten aus jeder Mücke einen Elefanten und aus einer Schwalbe einen Sommer machen. So hatte man ihm gesagt. Und nun das! Da saß nun dieser Idiot, dieser Bob, und schwatzte ihm die Ohren voll über Augenblicke, nur weil er in einem schleimigen Anschreiben mal gewisse Hinweise in Richtung auf ein Buch von Karl Heinz Bohrer hatte fallen lassen, auf “Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins” … das er, und das war noch das Tollste, das setzte nämlich der Ironie der Geschichte die Krone auf, er hatte nämlich dieses besagte Karl-Heinz-Bohrer-Buch nie gelesen! Er hatte mit diesen Anspielungen seinem Buch doch nur eine gewisse Fundierung geben wollen, den Anschein von Tiefe, so etwas wie einen ideengeschichtlichen Horizont.
“Ja, genau”, sagte Bob, “Ideengeschichte, das ist ein gutes. Au!”
Plötzlich klatschte Bob sich die Klaue aufs Auge.
“Was ist denn?” rief der junge Mann, der nicht nur ein Versager, sondern überdies noch schreckhaft war.
“Ich hab was ins Auge gekriegt … also so eine Scheiße!” tobte Bob. “Nettie! Nettie, wo steckst du? Komm sofort, hilf mir! Hilfe!”
Aber Nettie  Moore war nicht da. Sie half Georg gerade dabei, die neue Kaffeemaschine in der Gemeinschaftsküche zu installieren. Sie war nämlich, aufgrund einer allerdings vor vielen Jahren schon geschiedenen Ehe, als Einzige in der Abteilung n+Text dazu in der Lage, japanisch zu lesen!
“Viel, vielleicht kann ich Ihnen ja”, sagte der junge Dichter tapsig.
“Ja, helfen Sie mir”, rief Bob. “Ziehen Sie das verdammte Viehzeug aus meinem Auge!”
“Oh, Mann!”
Der Dichter packte, über den Schreibtisch hinweg, das lange, grüne, stachelige Etwas, das zwischen Bobs Fingern hervorzuckte, und zog daran. Es war offensichtlich das Bein eines Insekts, und am Ende hatte er eine Heuschrecke in den Händen.
“Wie, wo kommt, was macht die denn hier?”
Der junge Dichter, eine empfindsame Seele, war ganz verdattert.
“Ach”, winkte Bob ab, “die Viecher laufen hier massenhaft herum, seit Cyclops Media unser Unternehmen aufgekauft hat.”
“Eine …” Der junge Mann sah Bob erschrocken an. “Eine HEUSCHRECKE?”
“Ach, Quatsch, Heuschrecke.” Bob schnappte sich das Insekt und setzte es auf den Schreibtisch, wo das Biest sich sofort daran machte, die Schnitze, die das letzte Spitzen des Bleistifts übriggelassen hatte, aufzufuttern. Ein gieriges, beklemmendes Geräusch entstand.
“Das ist keine Heuschrecke”, sagte Bob, “das ist ein Unternehmensberater! Der guckt, wie man den Laden hier optimieren kann.”

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