Leseblüte

Juni 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Bert “Big” Bruder gab seiner Friseuse ein Zeichen, dass sie sich verpissen solle. “Lass das Schnippeln, Anja”, murrte er, riss sich die Schürze vom Wanst und strich die Haare von seinen Hemdsärmeln. “Das machen wir später weiter”, sagte er und zwinkerte der jungen Frau zu, die sich mit einem devoten Lächeln zurückzog.
Dann endlich hatte er Zeit für mich.
“Okay, Junge”, sagte er munter, während ich im Hintergrund seine Privatfriseuse mit den langen blonden Haaren in der sich schließenden Tür verschwinden sah. “Was führt Sie zu mir?”
Ich starrte auf die Späne nassen dunklen Haars auf dem Teppich.
“Also, ich hab da, Sie wissen ja, dass ich mit Bob, also mit Ihrem Texter Bob, einen Roman geschrieben habe?”
Bruder nickte gönnerhaft.
“Davon hat Bob mir erzählt, ja. ‘Hohlkörper’ ist wohl der Titel?”
“Genau, ja.”
“Prima. Ich gratuliere.” Er streckte mir, sich halb aus seinem face2buns erhebend, die Hand hin. “Das war für Sie sicher ein gewaltiger Schritt, wenn es für uns, für n+2, natürlich auch eher Routine ist”, sagte er mit breitem Lächeln. “Viel Erfolg jedenfalls!”
“Ja, nein”, sagte ich schnell, “genau deswegen bin ich ja hier, wegen des Erfolges! Ich hab nämlich heute in einer alten Ausgabe von ‘Theater heute’ gelesen …”
Bert “Big” Bruder runzelte die Brauen.
“Was ist das, ‘Theater heute’?”
“Das ist so ein Branchenblatt für das Subventionstheater”, erklärte ich.
“Aha? So was gibt’s?”
“Oh”, sagte ich, “natürlich gibt’s ein Branchenblatt für das Subventionstheater!”
“Nein, ich meinte, es gibt ein Subventionstheater?”
Ich war mir nicht sicher, ob er einen Spaß machte, darum schlug ich das Heft auf — es handelte sich um die Ausgabe vom Oktober 1999 — und las: “‘Obwohl ausgebildeter Werbetexter, scheute DeLillo lange die Öffentlichkeit, gab selten und ungern Interviews und war, zumindest auf den ersten Blick, ein schlechter PR-Manager seines Werks.’”
“Aha”, sagte Bruder nur.
“Na ja, und da dachte ich.”
“Bei uns hat nie ein Don DeLillo gearbeitet.” Bruder schüttelte den Kopf. “Ich kann mit einem Don von Schmidt dienen, aber den haben wir ziemlich schnell wieder vor die Tür gesetzt. Der mit seinen ganzen Weibern, und ein Haufen Kinder war auch da.” Er setzte einen strengen Gesichtsausdruck auf: “Wir sind hier ein anständiger Laden! Mal ne Grafikpraktikantin vernaschen, das ist ja okay. Aber so was …”
“Nein”, sagte ich, “was ich eigentlich meine, ist. Wenn sogar ein ausgebildeter Werbetexter wie DeLillo keine Ahnung von der Vermarktung seiner Bücher hat – und das sind hervorragende Bücher …”
“Ist Ihr Buch nicht hervorragend?”
“… wie soll ICH das dann hinbekommen?”
Bert “Big” Bruder biss das Ende einer Havanna ab, die er aus einem Humidor auf seinem Schreibtisch genommen hatte. Er gab sich in aller Seelenruhe Feuer, dann erst antwortete er auf meine Frage:
“Sie wollen also, dass wir die Vermarktung von Ihrer Schwarte übernehmen?”
“Ich fänd das gut, ja. Wo Sie doch ohnehin.”
“Tropische Luftfeuchtigkeit”, sagte er, Rauch an seinem Streichholz vorbei paffend, “das ist das Entscheidende! Die Luftfeuchtigkeit darf aber auch nicht zu hoch werden, sonst kann sich leicht Schimmel bilden. 68 bis 75 Prozent sind ideal, bei einer Temperatur von 18 bis 22 Grad Celsius.”
“Ah, ja.”
Er tippte auf den Humidor. “Das Holz nennt man ‘Spanische Zeder’!”
“Ich verstehe nichts von Zigarren”, sagte ich mit leicht fragender Betonung.
“Und Sie verstehen nichts von Marketing.”
“Nein.”
“Und wir sollen das für Sie in die Hand nehmen?”
“Ja.”
“Können wir machen.”
“Wär’s denn vielleicht möglich”, wagte ich mich mit einer Frage vor, “dass Sie mir da ein Konzept zeigen, auf dessen Basis Sie …”
“Geben Sie gerne Interviews?” unterbrach er mich.
“Also, ich wäre durchaus bereit, ab und an auch mal …”
“Da brauchen Sie dringend Schulung”, sagte er und saugte Rauch in seinen Mund.
“Meinen Sie? Meine Freunde haben immer gesagt, ich sei einigermaßen eloquent?”
“Sie sind vielleicht ein Quatschkopf, mein Freund, aber was Sie reden, das geht auf keine Kuhhaut!”
“Oje.”
“Passen Sie auf. Wir denken uns da was für Sie aus. Und dann setzen uns mit Ihnen in Verbindung.” Bert “Big” Bruder drückte auf einen Knopf, und im Hintergrund ging die Tür wieder auf. “Sie finden nach draußen, Junge?”

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