Bei den Reichen daheim
Juni 18th, 2009 § 1 Kommentar
“Wovor fürchtest du dich denn so, hm? Du musst doch keine Angst haben.”
Bob hatte seinen Arm um die kleine Sophie gelegt, und so blickte er auf ihren blonden Scheitel hinab. Sie saßen auf dem Sofa. Im Fernsehen kam die “Tagesschau”. Die sah Bob für sein Leben gern. Diese Sendung, die offenbar regelmäßig ausgestrahlt wurde, Tag für Tag, lieferte ihm den Beweis, wie ruhig, harmonisch und liebenswert sein kleines Texter-Dasein verlief. Mochte sein, auch er war irgendwie ein Rädchen in diesem monströs knirschenden Welt-Getriebe, aber davon merkte er ja nicht allzu viel!
Sophie hatte die Beine ausgestreckt. Sie trug weiße Strümpfe, die sie bis zu ihren Knien hochgezogen hatte, und darüber einen grünen Rock zur roten Bluse. An ihren Oberkörper hatte sie einen Stoffhasen gedrückt, mit beiden Armen, ganz fest. Aus großen blauen Augen starrte sie geradeaus.
Bob nahm einen Zug von seiner Zigarette. “Ich meine”, sagte er, nachdem er den Rauch in einer schwelgerischen Wolke aus dem Kerker seiner Lunge wieder entlassen hatte, “du hast doch wirklich keinen Grund, traurig zu sein, Mädel. Schau mal hin”, sagte er mit einem Lächeln, mit zwei Fingern der rechten Hand die Wangen des Mädchens eindrückend und ihren Kopf zum Bildschirm hebend, “wie da draußen abgemurkst, gehurt und betrogen wird! Da können wir doch wirklich von Glück sagen, was, dass wir’s hier so kuschelig haben?”
Sophie zitterte erbärmlich. Es war offenkundig, dass sie um ihr Leben fürchtete. Tatsächlich verlieh das rote Kopftuch Bob ein terrormäßiges, erschreckendes Aussehen. Dort, wo das Messer des Tamilen ihn getroffen hatte, war ein Fingerbreit Blut auf seiner linken Wange eingetrocknet, unter dem Auge. Auch das steigerte den furchterregenden Eindruck seiner Visage. Zum Glück hatte er den Tamilen in letzter Sekunde noch kalt machen können, bevor dieser den Spieß umgedreht hatte.
“Wenn deine Familie auf meine Bedingungen eingeht”, fuhr Bob mit honigsüßer Stimme fort, “dann sitzt du in einer Stunde schon wieder allein hier auf dem Sofa und kannst gucken, was du willst. KIKA oder so eine Scheiße. Was du willst. Denn ich werde in einem Flieger sitzen, hoch über den Wolken, auf dem Weg in die Dominikanische Republik, wo ich.”
Das schrille Schrillen des Telefons unterbrach seinen Wortschwall. Bob grinste. “Okay”, sagte er, “jetzt wird’s ernst, Sophie!”
Dieses miese Schwein! Entführt ein unschuldiges Kind und schreibt dann noch dreist in seinem Blog darüber. Jemand muss diesen eiskalten Psychopathen endlich zur Strecke bringen!